Der Terror des Tumors

Das Gehirn der Ulrike Meinhof liegt jetzt endlich in 20 Mikrometer dünnen Scheiben fein angerichtet, jede zwanzigste in dekorativem Blauschwarz, zum öffentlichen Verzehr bereit. 26 Jahre nach ihrem Tod, dessen Umstände heftig umstritten waren, arbeitet man auf. Auf Tumor komm raus. Nach einer Odyssee von Tübingen durchs Formalin nach Magdeburg ins Paraffin wagte schließlich ein Hirnforscher das, was andere vor ihm vermieden hatten. Wir wissen jetzt: Der Tumor war's!

Nahe am Mandelkern gelegen, der aufgenommene Reize in einen emotionalen Kontext stellt, wurde schon 1962 ein Blutschwamm diagnostiziert, die Ursache für Kopfschmerzen und zeitweilige Doppelbilder, über die Ulrike Meinhof während ihrer Schwangerschaft klagte. Bei einem neurochirurgischen Eingriff wurde die Wucherung mit Silberklammern zusammengepresst, die Entfernung erschien zu riskant und wurde deshalb nicht vorgenommen. Als Folge wird von starken Stimmungsschwankungen berichtet, die sich mit der Zeit gelegt haben sollen. Ein Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt wird offenbar ausgeschlossen.

Zum Zentrum langwieriger und erbitterter Auseinandersetzungen wird das Gehirn Ulrike Meinhofs, als es der Bundesanwaltschaft in den Sinn kommt, ein Gutachten anfertigen zu lassen, zur Not auch gegen den Willen der Gefangenen und unter Anwendung unmittelbarer Gewalt. Verteidiger, Gefangene und Teile der Öffentlichkeit wehren sich vehement dagegen in der Annahme, eine Exponentin radikalen Widerstands solle damit ihrer Persönlichkeit beraubt und das, wofür sie steht, zum Werk von Geisteskranken erklärt werden. Dass es Gericht und anklagender Behörde weder um gesundheitliche Fürsorgepflicht noch um verfahrenstechnische Fairness oder eine gerechte Urteilsfindung ging, dürfte das Beispiel von Katharina Hammerschmidt zeigen, die 1975 in der Haft an den Folgen eines nicht entdeckten Tumors stirbt, obwohl sie selbst, ihre Anwälte, Freunde und Angehörige immer wieder Anträge auf Hinzuziehung eines unabhängigen Arztes gestellt hatten, die ausnahmslos abgewiesen wurden.

Jetzt also, 26 Jahre nach ihrem Tod, darf Ulrike Meinhofs Gehirn mit dem des Lehrers Ernst August Wagner verglichen werden, der 1913 im Glauben, man wisse um eine von ihm begangene, lange zurückliegende sodomitische Eskapade, erst seine Familie, dann vermeintliche Mitwisser, alles in allem 14 Personen, zu Tode bringt. Die Entwicklung eines Menschen vom radikalen Humanismus zur Stadtguerilla als Folge eines Blutschwamms? Die Zeit scheint überfällig, sich mit einer Epoche und ihren Akteuren auf einer Grundlage auseinander zu setzen, die über eine physiologische Autopsie hinausgeht. Ob 20 Mikrometer dünne Schnitte die Substanz berühren, die zu den damaligen Ereignissen geführt hat, erscheint fraglich. Zumal unglücklicherweise versäumt wurde, die Gehirne der verantwortlichen Staatsbediensteten entsprechend zu präparieren, um sie für vergleichbare Untersuchungen zur Verfügung stellen zu können.

9. November 2002

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