Ibrahim al-Koni:
Goldstaub. Roman aus Libyen.
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Lenos Verlag 1997, 166 Seiten, ISBN 3 85787 259 4
Der junge Tuareg Uchaijid ist der stolze Besitzer eines gescheckten Mehri – eines edlen Reitkamels, das er als Fohlen vom Oberhaupt seines Stammes geschenkt bekam. Zwischen Mensch und Tier entwickelt sich eine außergewöhnliche, fast mystische Bindung, die sich wie ein poetischer Leitfaden durch den Roman zieht.
Trotz des Spotts seiner Mitmenschen über diese tiefe Hingabe bleibt Uchaijid seinem Kamel treu. Erst als ihn bittere Armut und der Hunger seiner Familie dazu zwingt, muss er das Tier an einen Mann namens Dudu verkaufen, der sich als Cousin seiner Frau ausgibt. Doch das Kamel bricht immer wieder aus, um zu seinem Herrn zurückzukehren, woraufhin es von Dudus Männern eingefangen und misshandelt wird. Als Uchaijid verzweifelt um die Rückgabe bittet, schlägt Dudu einen grausamen Handel vor: das Kamel gegen Uchaijids Frau.
Uchaijid willigt nach langem Zögern ein, da er nach wie vor seine Familie nicht ausreichend ernähren kann und sie dann versorgt weiß. Zusätzlich händigt Dudu ihm einen Beutel mit Goldstaub aus, den er widerwillig annimmt. Zwar ist er nun wieder mit seinem geliebten Tier vereint, doch das Gerücht verbreitet sich rasch, er habe seine Familie für eine Handvoll Gold verkauft. Um die Schmach zu tilgen und das Gerede zu beenden, erschießt Uchaijid Dudu.
Vom eigenen Stamm verstoßen und von den rachsüchtigen Verwandten des Toten gejagt, flieht Uchaijid mit seinem Kamel durch die kargen Weiten der Sahara. Inmitten der Wirren des Krieges gegen die italienischen Kolonialherren im Norden und der Hungersnot im Süden sucht er Zuflucht in den abgelegenen Felshöhlen des Jebel Hasawna. Einsam in der Wüste, umgeben von geheimnisvollen Höhlenmalereien und den nächtlichen Schreien der Dschinn, wartet Uchaijid auf die Ankunft seiner Verfolger und deren Rache.
Ibrahim al-Kuni wurde 1948 in der Nähe von Ghadames in der libyschen Region Fezzan geboren und wuchs in der Sprache und Kultur der Tuareg auf. Obwohl er Arabisch erst mit zwölf Jahren erlernte, wählte er es als Sprache für seine literarischen Werke. Seine frühe Prägung durch das Leben der Wüstennomaden spiegelt sich in vielen seiner Romane wider, die nicht nur die praktischen Gründe, sondern auch die spirituellen Antriebe hinter der ständigen Bewegung in der Wüste ergründen. In den 1970er-Jahren, nach einer kurzen Tätigkeit als Journalist in Libyen, ging al-Kuni nach Moskau, um am Gorki-Institut Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren. Bis 1993 arbeitete er als Journalist in Moskau und Warschau. Heute lebt al-Kuni in der Schweiz, im Dorf Goldiwil bei Thun, in der Nähe der Berge.
Trotz seines Lebens im selbstgewählten Exil genießt al-Kuni in der arabischen Welt nach wie vor großes Ansehen und kulturellen Einfluss. 2010 verlieh ihm das ägyptische Kulturministerium den renommierten Preis für arabische Belletristik. Das Preisgeld spendete er den Tuareg-Völkern in Niger und Mali.
25. April 2026