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Autoren Glossen Lyrik

Peter Dinzelbacher Heilige oder Hexen Peter Dinzelbacher
Heilige oder Hexen.
Schicksale auffälliger Frauen.
Patmos Ver­lag 2004, 350 Sei­ten
ISBN 3-491-69120-6

Das europäische Mit­tel­al­ter war durch eine in­ten­si­ve Re­li­gio­si­tät ge­prägt, die sich über al­le Le­bens­be­rei­che er­streck­te. Und der männ­li­che Kle­rus sah sich mit ei­ner wach­sen­den Zahl le­ben­der Hei­li­ger, vor­wie­gend Frauen, kon­fron­tiert. Frau­en aus dem Volk, Non­nen, aber auch dem Adel ent­stam­mend, zeig­ten Merk­ma­le geis­ti­ger Ent­rü­ckung, be­rich­te­ten von direkten Kon­tak­ten zu Gott, Je­sus oder dem Hei­li­gen Geist. Sol­che mys­ti­schen Zu­stän­de wur­den häu­fig er­gänzt durch Vi­sio­nen [1], Eks­ta­sen, Nah­rungs­lo­sig­keit, Aus­bil­dung der Stig­ma­ta der Leiden des Herrn, Le­vi­ta­tio­nen u.ä.

War im einfachen Volk die Be­reit­schaft hoch, der­ar­ti­ges Ver­hal­ten als Aus­druck der Hei­lig­keit der be­trof­fe­nen Per­son an­zu­se­hen, kam es im Kle­rus zu Irritationen, wie da­mit um­zu­ge­hen sei. Von der un­ein­ge­schränk­ten Akzeptanz der Phä­no­me­ne als Aus­druck der Heiligkeit bis zum Ver­dacht des Be­trugs und sogar zum Vor­wurf der Be­ses­sen­heit gab es un­zäh­li­ge Ab­stu­fun­gen, die sich, je nach Pro­tek­tion bzw. in­ter­nen Macht­ver­schie­bun­gen auch ver­än­dern konn­ten. Din­zel­ba­cher geht die­sen Hei­li­gen­vi­ten im De­tail nach und ver­an­schau­licht den Wan­del, der sich in­ner­halb der ka­tho­li­schen Kir­che im Lauf der Jahr­hun­der­te voll­zo­gen hat. So wur­den die Prü­fun­gen, de­nen ver­meint­li­che Hei­li­ge un­ter­zo­gen wur­den, im­mer stren­ger und die An­er­ken­nun­gen der Hei­lig­keit nah­men ab. Pa­ral­lel dazu wuchs der Ver­dacht der Teu­fels­buhl­schaft und der Macht von Dämonen, die für die ge­zeig­ten Phä­no­me­ne ver­ant­wort­lich wa­ren. Diese Frau­en wur­den als Hexen ver­folgt und nicht selten ver­brannt.

So weist Dinzelbacher Ana­lo­gien im Verhalten von Hei­li­gen und ver­meint­li­chen He­xen nach, die zu ent­ge­gen­ge­setz­ten Be­ur­tei­lun­gen füh­ren konn­ten. Das Bei­spiel Jeanne d'Arc ver­an­schau­licht, wie be­deu­tend der Einfluss po­li­ti­scher Kräfte auf die Hei­lig­spre­chung sein konn­te.

Heute bizarr er­schei­nen­de For­men der Hei­li­gen­ver­eh­rung [2] fin­den eben­so Er­wäh­nung wie sa­dis­ti­sche Kom­po­nen­ten der pein­li­chen Be­fra­gung von He­xen durch die In­qui­si­tion. Doch der Schwer­punkt der Arbeit liegt auf der Ent­wick­lung der Kri­te­rien, die zu einer Hei­lig­spre­chung ge­ge­ben sein muss­ten und den di­ver­gie­ren­den In­ter­pre­ta­tio­nen die­ser Kri­te­rien. Dem ge­gen­ü­ber steht die zu­neh­men­de Dä­mo­ni­sie­rung von Frau­en, de­ren Ak­ti­vi­tä­ten aus un­ter­schied­li­chen Grün­den als nicht (mehr [3]) to­le­ra­bel gal­ten. Bei­de Ent­wick­lun­gen stel­len Ver­su­che der kirch­li­chen Au­to­ri­tä­ten dar, ihre Po­si­tion ge­sell­schaft­lich zu sta­bi­li­sie­ren. Ein sach­kun­di­ges Buch über Phä­no­me­ne, die mit­tel­al­ter­li­che Frau­en zu Heiligen oder He­xen wer­den lie­ßen. Ei­ne um­fang­rei­che Bi­blio­gra­phie bie­tet Stoff zur wei­te­ren Be­fas­sung mit dem The­ma.

Peter Dinzelbacher (*1948) ist His­to­ri­ker mit lang­jäh­ri­ger Lehr­tä­tig­keit. Der Schwer­punkt sei­ner For­schung ist das eu­ro­pä­ische Mit­tel­al­ter, über das zahl­rei­che Pu­bli­ka­tio­nen von ihm er­schie­nen sind.

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1. Der heilige Nikolaus von Flüe er­leb­te seine erste Vi­sion bereits prä­na­tal im Mut­ter­leib. S. 43

2. "... wie man ja im Mittelalter auch Scham­haa­re des hl. Mar­cus oder Ex­kre­men­te des hl. Jo­han­nes Columbini als Re­li­quien auf­be­wahr­te und die Gläu­bi­gen zu ih­rer Ver­eh­rung anhielt." S. 218
"Be­son­ders schätzte man die Re­li­quien, die man schon zu Leb­zei­ten von ihr [4] erhalten konnte, da Teile ihrer durch eine Wun­de he­raus­hän­gen­den Ein­ge­wei­de ab­star­ben und weit­hin gesucht wa­ren." S. 267

3. So etwa heilkundige Frau­en und Hebammen.

4. Liedwy von Schiedam, 1380 – 1433

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24. März 2024

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