Christian Haller:
Strandgut. Roman.
Luchterhand Literaturverlag 1991, 191 Seiten, ISBN 3-630-86768-5
Sid und Tanja haben sich im Krankenhaus kennengelernt. Er wurde wegen eines Gehirntumors operiert, sie arbeitet als Krankenschwester. Trotz des großen Altersunterschieds – Sid ist Mitte 40, Tanja Anfang 20 – kamen sich die beiden näher und wurden ein Paar. Noch ist man sich etwas fremd und möchte die Beziehung durch einen Urlaub in der Toskana festigen. Man nächtigt im Auto in den Dünen, da kein freies Zimmer mehr zu finden war. Tanja schläft und Sid hängt seinen Gedanken nach, als sich von hinten ein Mann nähert, den Sid bald als das „Monster von Florenz“ erkennt, das in den letzten siebzehn Jahren Liebespaare überfallen und dabei sechzehn Menschen getötet hat. Sid lässt den Motor an und fährt ihn über den Haufen. Sie sind gerettet!
Um den Komplikationen einer polizeilichen Ermittlung aus dem Weg zu gehen, verlassen sie die Gegend und fahren ziellos umher. Doch was ist das? Tage später eine Schlagzeile: Der Liebespaarmörder hat erneut zugeschlagen! Ist das ein Irrtum? Oder: Wer war der Mann, den Sid getötet hat? Tanja kommt ins Grübeln. Erinnert sich an eine Situation, in der sie mit einem Italiener geflirtet hat und damit Sid verärgert hat. Könnte das der Getötete sein? Hat Sid ihn verwechselt oder gar mit Absicht getötet? Ist Sid ein Mörder und sie die einzige Zeugin? Schwebt sie selbst in Gefahr?
Tanja ist hin- und hergerissen und wir Lesenden sind es mit ihr. Zumal wir mehr wissen als sie. Wir haben Einblick in Sids Gedankengänge und Erinnerungen, und auch der Erzähler versorgt uns mit Hinweisen. Mit wachsender Ungewissheit über das tatsächliche Geschehen werden unsere Interpretationen auch noch der subtilsten Andeutungen immer abenteuerlicher. Aber glücklicherweise hat uns der Autor einen Epilog geschenkt, in dem eine dritte Person einen ganz neuen Aspekt in den Mittelpunkt rückt. Oder?
Christian Haller (*1943) ist ein Schweizer Dramaturg und Schriftsteller, „Strandgut“ ist sein erster Roman, den zu lesen eine große Freude war. Der Titel nimmt Bezug auf Guy de Maupassants gleichnamige Novelle. Haller legt in „Strandgut“ falsche Fährten zuhauf und setzt mit dem Ende eine weitere Volte. Der nächste Haller liegt schon bereit („Sich lichtende Nebel“) und wird nach einer gebührenden Verdauungspause hoffentlich eine ähnlich interessante Lektüre werden.
11. September 2026