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Franz Hessel Franz Hessel:
Von den Irr­tü­mern der Lie­ben­den und an­de­re Pro­sa.
Mit einer um­fas­sen­den Hes­sel-Bi­blio­gra­phie von Gre­gor Acker­mann und Hart­mut Voll­mer. He­raus­ge­ge­ben und mit ei­nem Nach­wort ver­se­hen von Hart­mut Voll­mer.
Igel Verlag Li­te­ra­tur 1994, 198 Sei­ten, ISBN 3-927104-59-0

Es ist eine merk­wür­di­ge Stun­de, in der Franz Hes­sel sei­ne Lie­ben­den ver­sam­melt: Die Ball­nacht ist vo­rü­ber, drei Män­ner und drei Frau­en zie­hen sich in eine Woh­nung zu­rück, und was folgt, ist kei­ne Fort­set­zung des Fes­tes, son­dern sei­ne Ver­län­ge­rung ins Ge­spräch. Man er­zählt sich Ge­schich­ten von der Lie­be und ih­rem Schei­tern. Der Ti­tel ver­spricht Irr­tü­mer, und das Buch hält Wort. Kei­ne der Epi­so­den en­det glück­lich; alle ver­lau­fen im „zar­ten Elend“ oder im Kat­zen­jam­mer.

Hessels Prosa be­sitzt eine ge­las­se­ne Ele­ganz, die sich durch Zu­rück­hal­tung aus­zeich­net. Tod, Selbst­mord, Ver­rat – all das wird mit ei­ner Bei­läu­fig­keit no­tiert, die ge­ra­de durch ihre Ruhe be­rührt. Es ist der Blick ei­nes Fla­neurs, der auch im Un­glück nicht in­ne­hält, son­dern wei­ter­geht, re­gis­trie­rend, ohne zu ur­tei­len. Die­se er­zäh­le­ri­sche Dis­kre­tion, die­ses Ver­mei­den des gro­ßen Wor­tes, ist die ei­gent­li­che Stim­mung des Bu­ches.

Interessant ist, dass die sechs Er­zäh­len­den kaum zu ei­gen­stän­di­gen Fi­gu­ren wer­den, son­dern Stim­men im Dienst der ein­ge­la­ger­ten Ge­schich­ten blei­ben. Viel­leicht ist ge­ra­de das der poe­to­lo­gi­sche Kniff des Tex­tes: Die „Nacht­wa­che“ des Un­ter­ti­tels gilt we­ni­ger den Per­so­nen als der Lie­be selbst, die hier wie ein Ge­gen­stand auf dem Se­zier­tisch liegt, von wech­seln­den Stim­men be­trach­tet, ge­wen­det, be­leuch­tet, aber nie er­klärt, im­mer nur um­kreist.

So leicht und flie­ßend sich das liest, wäre es doch fa­tal, sich ein­fach vom Text trei­ben zu las­sen. Denn hin­ter und zwi­schen den Wor­ten ver­ber­gen sich ge­le­gent­lich An­deu­tun­gen, die sich nur ei­ner auf­merk­sa­men Lek­tü­re er­schlie­ßen.*

„Von den Irrtümern der Lie­ben­den“ ist eins von Hes­sels Wer­ken, dem we­ni­ger Auf­merk­sam­keit zu­teil wur­de. Wer heu­te nach dem Au­tor sucht, fin­det zu­erst den Proust-Über­set­zer, den Freund Wal­ter Ben­ja­mins, den Ber­lin-Fla­neur, sel­te­ner den Er­zäh­ler von 1922.

„Von den Irrtümern der Lie­ben­den. Eine Nacht­wa­che.“ er­schien erst­mals 1922 bei Ro­wohlt, mit ei­nem von E.R. Weiß ge­stal­te­ten Ein­band. 1969 leg­te Rog­ner & Bern­hard eine Neu­auf­la­ge vor, zu­letzt er­schien der Text im Igel Ver­lag, der sich mit ei­ner fünf­bän­di­gen Ge­samt­aus­ga­be um den Au­tor und sein Werk ver­dient ge­macht hat. Wei­te­re 28 kur­ze bis sehr kur­ze er­zäh­len­de und be­trach­ten­de Pro­sa­tex­te, die zwi­schen 1921 und 1939 in Zeit­schrif­ten und Zei­tun­gen er­schie­nen sind, bil­den eine auf­schluss­rei­che Er­gän­zung. Ein Nach­wort des He­raus­ge­bers Hart­mut Voll­mer und eine um­fang­rei­che Bi­blio­gra­phie be­schlie­ßen den Band.

Franz Hessel wurde 1880 in Stet­tin ge­bo­ren und starb 1941 im fran­zö­si­schen Exil in Sa­na­ry-sur-Mer. Der deut­sche Schrift­stel­ler, Jour­na­list und Über­set­zer leb­te lan­ge in Mün­chen und Ber­lin und ge­hör­te dort zur Bo­hème, ins­be­son­de­re zum Kreis um Fran­zis­ka zu Re­vent­low und den „Kos­mi­kern“ um Ste­fan Ge­or­ge. Be­kannt­heit er­lang­te er durch sei­ne ge­mein­sam mit Wal­ter Ben­ja­min an­ge­fer­tig­te Über­set­zung von Tei­len aus Mar­cel Prousts „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“, die bis heu­te als be­deu­ten­de Über­set­zungs­leis­tung gilt. Als ei­gen­stän­di­ger Au­tor schrieb Hes­sel un­ter an­de­rem den Ro­man „Der Kram­la­den des Glücks“ (1913) so­wie den Es­say­band „Spa­zie­ren in Ber­lin“ (1929), der als Klas­si­ker der Fla­neur-Li­te­ra­tur über das Ber­lin der Wei­ma­rer Re­pu­blik gilt.

Bekannt ist Hessel zudem für sei­ne re­a­le Drei­ecks­be­zie­hung mit sei­ner spä­te­ren Frau He­len Grund und dem fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Hen­ri-Pierre Ro­ché, die als Vor­la­ge für Ro­chés Ro­man „Ju­les et Jim“ dien­te (spä­ter von Fran­çois Truf­faut ver­filmt), wo­bei Hes­sel als Vor­bild für die Fi­gur „Ju­les“ gilt. Sein Sohn Sté­phane Hes­sel er­lang­te spä­ter als Di­plo­mat und Au­tor des Best­sel­lers „Em­pört Euch!“ in­ter­na­tio­na­le Be­kannt­heit. Als Jude muss­te Franz Hes­sel 1938 aus Deutsch­land flie­hen; er starb 1941, kurz nach­dem er aus ei­nem In­ter­nie­rungs­la­ger ent­las­sen wor­den war, im fran­zö­si­schen Exil.


* „Dort wird man Sie auf Mat­ten, Fel­le und Kis­sen bet­ten. Sie wis­sen, es gibt bei der Ger­maine vie­le La­ger rings um die klei­ne Lam­pe. Und wenn Sie schla­fen, wer­den wir über Ih­rem Schlum­mer un­se­re klei­nen Ge­sprä­che füh­ren.“ (S. 58) Das deu­tet eine Opi­um­ze­re­mo­nie an.

4. Juli 2026

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