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Cees Nooteboom: Der Ritter ist gestorben Cees Nooteboom
Der Ritter ist gestor­ben.
Aus dem Nieder­län­dischen von Helga van Beuningen.
Suhrkamp Verlag 1996, 151 Seiten
ISBN 3-518-40815-1

André Steenkamp schreibt ein Buch über einen ver­stor­be­nen Schrift­steller, an der Fül­le des ge­sam­mel­ten Ma­terials schei­tert er und nimmt sich das Le­ben.

Sein Freund, der Ich-Erzähler, will dieses Buch vollenden und be­gibt sich deswegen nach Ibi­za, wo André die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat. Er begegnet Menschen, mit de­nen André gelebt und ge­trun­ken hat, er begegnet einer Frau, mit der sich eine nicht ganz eindeutige Be­zie­hung ent­wickelt, und gerät zu­neh­mend in den Sog des Ver­stor­be­nen. Vom Beobachter und Chro­nisten wird er zum Be­ob­ach­te­ten (durch sich selbst) und Teil­neh­menden. Die Wirklichkeit gerät aus den Fugen, eben noch Reales verzerrt sich wie in einem ex­pres­sio­nis­tischen Film oder bei Bunuel. Ein Höhe­punkt ist die Sequenz, in der Stier­kampf­sze­nen im Schnitt/­Ge­gen­schnitt-Verfahren mit ei­ner Be­geg­nung in einem Hotel­zim­mer konfrontiert wer­den. Die Schreibstile ver­mi­schen sich eben­so, wie sich die Wahr­nehmung mit der Phan­tasie durchsetzt.

Nooteboom hat den Roman (es ist sein zweiter, 1963 in den Niederlanden zuerst ver­öf­fent­licht) später als "einerseits ab­so­lut notwendig, anderer­seits als nicht gelungen" be­schrie­ben (TAZ vom 12.7.2020) Ich habe den Ro­man gerade wegen seiner stilistischen Un­ein­heit­lich­keit gerne ge­le­sen.

Zitate:
"Er denkt: Ich denke nicht, ich arbeite." S. 57
"Denn immer öfter habe ich mich beim Schreiben der letz­ten Kapitel gefragt, ob er mich nicht absichtlich auf dieses Gleis rangiert hat: Er fängt ein Buch an über einen Schrift­steller, der über einen Schrift­steller schreibt, der ge­stor­ben ist, und der selbst stirbt, bevor er das Buch über den Ver­stor­be­nen zu Ende ge­schrie­ben hat." S. 147f

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26. April 2021

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