Kassiber Martin Pollack
Autoren Glossen Lyrik

Martin Pollack Die Frau ohne Grab Martin Pollack:
Die Frau ohne Grab. Be­richt über mei­ne Tan­te.
Paul Zsolnay Ver­lag 2019, 180 Sei­ten, ISBN 978-3-552-05951-1

Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs kam es in den ehe­mals zur k. u. k. Mo­nar­chie ge­hö­ren­den Ge­bie­ten zu tief­grei­fen­den po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­chen. In ei­ni­gen Re­gio­nen Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas wur­den An­ge­hö­ri­ge der deut­schen Min­der­hei­ten kol­lek­tiv für die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen ver­ant­wort­lich ge­macht. Die Ver­gel­tungs­maß­nah­men tra­fen da­bei häu­fig auch Per­so­nen, die sich we­der po­li­tisch ex­po­niert noch ak­tiv an den Ver­bre­chen be­tei­ligt hat­ten.

Zu diesen Op­fern zähl­te Pau­li­ne Bast. Sie wur­de 1875 ge­bo­ren und wuchs in Tüf­fer auf, dem heu­ti­gen Laš­ko in Slo­we­nien. Ihr ge­sam­tes Le­ben ver­brach­te sie in die­ser klein­städ­ti­schen Um­ge­bung. Sie war mit ei­nem Slo­we­nen ver­hei­ra­tet und hielt sich aus den na­tio­na­len Span­nun­gen zwi­schen der deutsch­spra­chi­gen Min­der­heit und der slo­we­ni­schen Mehr­heit weit­ge­hend he­raus. Hin­wei­se auf eine po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung sind nicht er­kenn­bar. Im Un­ter­schied zu meh­re­ren ih­rer Brü­der, die sich deutsch­na­tio­na­len und völ­ki­schen Krei­sen an­schlos­sen, scheint Pau­li­ne kei­ne Nähe zu ent­spre­chen­den Ideo­lo­gien ent­wi­ckelt zu ha­ben.

Die Geschichte der Fa­mi­lie Bast ist un­trenn­bar mit den geo­po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen der Un­ter­stei­er­mark (slo­we­nisch: Spodn­ja Šta­jers­ka) ver­knüpft. Als ehe­ma­li­ges Kron­land der Ös­ter­rei­chisch-Un­ga­ri­schen Mo­nar­chie war die Re­gi­on über Jahr­hun­der­te von ei­nem deutsch-slo­we­ni­schen Mit­ei­nan­der ge­prägt, das je­doch im 19. Jahr­hun­dert zu­neh­mend durch na­tio­nal­staat­li­che Be­stre­bun­gen un­ter Druck ge­riet. Mit dem Ver­trag von Saint-Ger­main (1919) fiel das Ge­biet an das neu ge­grün­de­te Kö­nig­reich der Ser­ben, Kro­a­ten und Slo­we­nen (das spä­te­re Ju­gos­la­wien).

Paulines Brüder wur­den wäh­rend ih­rer Stu­dien­zeit von ei­nem anti­se­mi­tisch-völ­ki­schen Mi­lieu ge­prägt, ins­be­son­de­re in stu­den­ti­schen Ver­bin­dun­gen, die sich auf die Leh­ren Georg Rit­ter von Schö­ne­rers be­rie­fen. Sol­che Bur­schen­schaf­ten fun­gier­ten nicht nur als ideo­lo­gi­sche So­zia­li­sa­tions­or­te, son­dern auch als dau­er­haf­te Kar­rie­re­netz­wer­ke. Das völ­ki­sche Den­ken war da­bei kei­nes­wegs auf rand­stän­di­ge Krei­se be­schränkt, son­dern er­fass­te auch Tei­le des ge­bil­de­ten Bür­ger­tums.

Die Region war nach dem Ein­marsch der Wehr­macht 1941 Schau­platz der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik. Die deut­sche Be­sat­zungs­macht ging mit De­por­ta­tio­nen, Mas­sa­kern und sys­te­ma­ti­scher Ge­walt ge­gen die sla­wi­sche Be­völ­ke­rung vor. Die­se „eth­ni­sche Flur­be­rei­ni­gung“ be­en­de­te jahr­hun­der­te­lan­ges Zu­sam­men­le­ben von Deut­schen und Sla­wen in Ost­eu­ro­pa.

Das Ende des Krie­ges 1945 mar­kier­te die ge­walt­sa­me Um­keh­rung die­ser Ver­hält­nis­se. Im Zuge der Ver­gel­tungs­maß­nah­men der ju­gos­la­wi­schen Par­ti­sa­nen wur­den die ver­blie­be­nen Deutsch­stäm­mi­gen kol­lek­tiv für die Ver­bre­chen des NS-Re­gi­mes ver­ant­wort­lich ge­macht. Pau­li­ne Bast, ob­wohl po­li­tisch un­be­tei­ligt, wur­de im Al­ter von 70 Jah­ren im Schloss Hras­to­vec – ei­nem von slo­we­ni­schen Par­ti­sa­nen ein­ge­rich­te­ten Ge­fan­ge­nen­la­ger – in­haf­tiert, wo sie am 24. Au­gust 1945 un­ter un­ge­klär­ten Um­stän­den ver­starb und ver­mut­lich in ei­nem Mas­sen­grab bei­ge­setzt wur­de.

Martin Pollack (*1944), His­to­ri­ker, lang­jäh­ri­ger Spie­gel-Kor­res­pon­dent und Über­set­zer, wid­met sei­ner Groß­tan­te in „Die Frau ohne Grab“ eine akri­bisch re­cher­chier­te Zeit- und Fa­mi­lien­ge­schich­te. Auf der Grund­la­ge von Zei­tungs­quel­len, Brie­fen, Fa­mi­lien­fo­tos und Zeit­zeu­gen­be­rich­ten er­zählt er am Bei­spiel der Fa­mi­lie Bast die viel­schich­ti­ge Kon­flikt­ge­schich­te der Volks­grup­pen in Slo­we­nien. Wie be­reits in „Der Tote im Bun­ker“ (2004), sei­ner Aus­ei­nan­der­set­zung mit sei­nem Va­ter, ei­nem ho­hen Ge­sta­po-Be­am­ten und SS-Of­fi­zier, ver­bin­det Pol­lack in­di­vi­du­el­le Schick­sa­le mit struk­tu­rel­len his­to­ri­schen Pro­zes­sen.

Pollacks Arbeiten sind viel­fach aus­ge­zeich­net wor­den. Sie sind ge­prägt von ei­ner prä­zi­sen Re­cher­che und ei­ner zu­rück­hal­ten­den, quel­len­ge­stütz­ten Dar­stel­lung. Im Zen­trum steht eine auf­klä­re­ri­sche Aus­ei­nan­der­set­zung mit der Ge­schich­te Ost­mit­tel­eu­ro­pas, ins­be­son­de­re mit je­nen Re­gio­nen und Be­völ­ke­rungs­grup­pen, die lan­ge am Rand der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung stan­den.


Geschichte

3. März 2026

Gelesen : Weiteres : Impressum