Rossana Rossanda:
Vergebliche Reise oder Politik als Education sentimentale.
Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner.
suhrkamp taschenbuch 1985, 127 Seiten, ISBN 3-518-37687-X
Zur Vorbereitung des „Kongresses für die Freiheit Spaniens“, der in Rom stattfinden sollte, reiste Rossana Rossanda 1962 durch weite Teile Spaniens, um Kontakte zu oppositionellen Gruppen und Individuen aufzunehmen und sie zur Unterstützung des Kongresses zu ermuntern. Rossanda war zu dieser Zeit Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Italiens und hatte vorher keinerlei Beziehungen zu Spanien gehabt.
Mit einem Abstand von 20 Jahren erinnert sich Rossanda an die einzelnen Stationen und Begegnungen, die noch immer den dunklen Schleier der Niederlage und der Massaker an den republikanischen Kräften durch die Truppen Francos trugen. Weder die Kommunisten noch die Sozialisten oder Anarchisten hatten sich neu formieren oder Strukturen aufbauen können, aus denen eine Überwindung des Franquismus hätte erwachsen können. Einzig bei rechtskonservativen Kräften und ehemaligen Falangisten fand sie entsprechende Vorstellungen und glaubhafte Persönlichkeiten und stellte dazu die folgende Überlegung an:
„...der sengende Zweifel, ob der Kapitalismus nicht unendlich viel kräftiger sei als seine politischen Formen und daher imstande, sich ihrer zu bedienen wie eines Mantels, den man, je nach Bedarf, gebraucht oder ablegt.“ S. 42
Ein Gedanke, der gegenwärtig so aktuell erscheint wie damals.
„Vergebliche Reise“ ist auch eine Bilanz über Fehleinschätzungen und die Unfähigkeit der politischen Linken, nicht nur in Italien, veränderte gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse zu analysieren und angemessene politische Strategien daraus zu entwickeln.
„Das System, in dem wir leben, ist derart massiv, sein Fundament an Entfremdung und Ungleichheit ist so solide, daß die Gefechte, die ihm geliefert werden, leicht grotesk erscheinen können.“ S. 123
Für Resignation sieht Rossanda dennoch keine Veranlassung. Ihr Schlussappell ist so leidenschaftlich wie ihr ganzes Leben:
„Nur wenn das Unmögliche immer wieder gedacht wird, läßt sich das Mögliche retten: das, was wir kennen, ist nicht alles.“ S. 123f
Rossana Rossanda (1924-2020) kam über die Teilnahme am Widerstand gegen den italienischen Faschismus zur Kommunistischen Partei Italiens, der sie nach dem Zweiten Weltkrieg beitrat, wo sie bald in leitende Positionen aufstieg. In den 60er Jahren kritisierte sie zunehmend die unflexible Haltung ihrer Partei den neuen Protestbewegungen gegenüber sowie eine mangelnde Distanzierung nach dem Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei. Als Konsequenz gründete sie mit weiteren Parteigenossen die unabhängige Zeitschrift Il manifesto. Es folgte der Ausschluss aus der KPI. Die Gründung einer erfolgreichen undogmatischen linken Partei scheiterte, Rossanda beschränkte sich daraufhin auf ihre literarischen und essayistischen Arbeiten.
18. April 2026