Russ Rymer:
Das Wolfsmädchen. Eine moderne Kaspar-Hauser-Geschichte.
Aus dem Amerikanischen von Almuth Dittmar-Kolb.
Hoffmann und Campe 1996, 271 Seiten, ISBN 3-455-11047-9
Am 4. November 1970 erscheint eine fast blinde Frau mit ihrer 13-jährigen Tochter auf dem Sozialamt in Los Angeles. Die Sozialarbeiterin alarmiert die Polizei, als sie das Mädchen – extrem unterernährt, kaum gehfähig und nahezu stumm – sieht.
Susan M. Wiley wurde 1957 als viertes Kind von Irene und Clark Wiley geboren. Der psychisch kranke Vater hielt sie ab dem Alter von 20 Monaten in einem abgedunkelten Zimmer gefangen, da er sie für geistig behindert hielt. Tagsüber an einen Toilettenstuhl gefesselt, nachts in einer Art Zwangsjacke fixiert, durfte sie nicht sprechen, hungerte häufig und wurde bei jedem Laut geschlagen. Ihr Vater redete nicht mit ihr, sondern bellte sie an, um ihr Angst zu machen. Jegliche menschliche Zuwendung blieb ihr verwehrt. Der Vater erschoss sich, bevor die Polizei ihn verhaften konnte.
Der Fall fiel mitten in eine linguistische Grundsatzdebatte: Ist Spracherwerb nach der Pubertät noch möglich? Genie, wie sie von den Wissenschaftlern genannt worden war, wurde zum interdisziplinären Forschungsobjekt. Von Linguisten, Neurowissenschaftlern und Psychologen eingehend untersucht, war sie bald zum „wohl meistgetesteten Kind in der Geschichte“ geworden. Die Linguistin Susan Curtiss machte Genie zum Thema ihrer Doktorarbeit und baute eine enge Beziehung zu ihr auf.
Genies sprachliche Fähigkeiten blieben auf einem rudimentären Niveau, obwohl andere kognitive Leistungen teilweise altersangemessen waren. Ihre linke Hirnhälfte, normalerweise für Sprache zuständig, war unterentwickelt; sie verarbeitete Sprache in der rechten Hemisphäre. Der Fall erregte großes wissenschaftliches Interesse, insbesondere im Kontext der Frage, ob es eine kritische Phase für den Spracherwerb gibt. Genies begrenzte Fortschritte wurden als Hinweis darauf interpretiert, dass grundlegende sprachliche Strukturen nur in früher Kindheit vollständig erlernbar sind. Zugleich schien der Fall Theorien wie die einer angeborenen Sprachfähigkeit zu stützen.
Das Projekt stand von Beginn an unter ethischem Vorbehalt. David Rigler, Psychologe des Krankenhauses, in dem Genie zunächst behandelt worden war, nahm Genie vorübergehend in sein eigenes Haus auf und gab damit die für Forschung nötige Distanz auf. Genies Mutter verklagte Curtiss später wegen der schonungslosen Darstellung der Kindheit; eine ehemalige Projektmitarbeiterin warf den Forschern vor, Genie als Karriereinstrument missbraucht zu haben. Curtiss selbst äußerte rückblickend Zweifel an ihrer Arbeit.
1975 entzog das National Institute of Health dem Projekt die Gelder. Damit begann eine zweite Leidensgeschichte: Genie wurde von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht, in einer erneut misshandelt – woraufhin sie wieder verstummte. Zeitweise kehrte sie zu ihrer überforderten Mutter in das Haus zurück, in dem sie gefangen gehalten worden war. Schließlich entzog ihre Mutter sie der Öffentlichkeit. Genie lebte fortan abgeschirmt in einem Pflegeheim für geistig behinderte Erwachsene, ihr genauer Zustand wurde nicht öffentlich bekannt, Kontakte gerichtlich untersagt.
Rymer zieht Vergleiche zu anderen „Wolfskindern“, vor allem zu Victor, dem Wolfsjungen von Aveyron, dessen Geschichte von François Truffaut verfilmt wurde (L'Enfant sauvage, 1970) und natürlich zu Kaspar Hauser. Darüber hinaus stellt er die Debatte um die Theorien Noam Chomskys und Eric Lennebergs vor, die sich dem Thema des Spracherwerbs widmen. Ein akribisch recherchiertes und fesselnd geschriebenes Buch.
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13. April 2026