Kassiber Falcone
Autoren Glossen Lyrik

Roberto Saviano Falcone Roberto Saviano:
Falcone. Roman.
Aus dem Italienischen von An­net­te Kopetzki.
Büchergilde Gutenberg 2024, 544 Sei­ten, ISBN 978-3-7632-7569-4

Roberto Savianos Buch „Fal­co­ne“ er­zählt die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, des­sen Ende die Le­ser be­reits ken­nen, noch be­vor sie die ers­te Sei­te auf­ge­schla­gen ha­ben. Am 23. Mai 1992 tö­te­te eine fern­ge­zün­de­te Bom­be mit 500 Ki­lo­gramm Spreng­stoff auf der Auto­bahn bei Ca­pa­ci nahe Pa­ler­mo den Un­ter­su­chungs­rich­ter Gio­van­ni Fal­co­ne, sei­ne Ehe­frau Fran­ces­ca Mor­vil­lo so­wie die drei Leib­wäch­ter Vito Schi­fa­ni, Roc­co Di­cil­lo und An­to­nio Mon­ti­na­ro. Auf­trag­ge­ber des At­ten­tats war Sal­va­to­re „Toto“ Rii­na, da­mals Capo di tut­ti i capi der si­zi­lia­ni­schen Cosa Nos­tra.

Saviano wählt für den Ein­stieg in sein Buch je­doch be­wusst ein an­de­res ex­plo­si­ves Er­eig­nis. Ein Blind­gän­ger aus dem Ers­ten Welt­krieg de­to­niert, als Toto Rii­nas Va­ter ver­sucht, ihn zu öff­nen. Da­bei ster­ben Rii­nas Va­ter und ein Bru­der, ein wei­te­rer Bru­der wird schwer ver­letzt. Der zwölf­jäh­ri­ge Sal­va­to­re über­lebt un­be­scha­det.

Zwischen diesen bei­den Er­eig­nis­sen ent­wi­ckeln sich die Le­bens­we­ge Rii­nas und Fal­co­nes in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen, auf un­ter­schied­li­chen Sei­ten des Ge­set­zes.

In „Falcone“ wid­met sich Sa­via­no dem Le­ben des si­zi­lia­ni­schen Un­ter­su­chungs­rich­ters Gio­van­ni Fal­co­ne, der zu ei­ner zen­tra­len Fi­gur im Kampf ge­gen die Cosa Nos­tra wur­de. Be­son­de­re Be­deu­tung kommt da­bei dem Ma­xi­pro­zess von Pa­ler­mo zu, der als Mei­len­stein im Kampf ge­gen die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät gilt. Ge­mein­sam mit dem von ihm mit­be­grün­de­ten Rich­ter­pool, der erst­mals eine zen­tra­le Bün­de­lung der Er­mitt­lun­gen ge­gen die Ma­fia er­reich­te, ge­lang es Fal­co­ne, die Cosa Nos­tra als ge­schlos­se­ne kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­tion vor Ge­richt nach­zu­wei­sen. Im Rah­men die­ses Pro­zes­ses wur­den 474 Män­ner an­ge­klagt, de­nen 120 Mor­de, Dro­gen­han­del, Schutz­geld­er­pres­sung und die Bil­dung ei­ner kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung vor­ge­wor­fen wur­den. In 344 Ur­tei­len wur­den schließ­lich Haft­stra­fen von ins­ge­samt 2665 Jah­ren ver­hängt. Der Pro­zess mar­kier­te ei­nen Wen­de­punkt im staat­li­chen Vor­ge­hen ge­gen die Ma­fia. Sa­via­no schil­dert die­sen ju­ris­ti­schen Kraft­akt mit gro­ßer De­tail­ge­nau­ig­keit und macht da­bei deut­lich, welch enor­men or­ga­ni­sa­to­ri­schen und per­sön­li­chen Ein­satz Fal­co­ne und sein Team da­für auf­brin­gen muss­ten.

Der berufliche Er­folg schützt ihn je­doch nicht vor An­fein­dun­gen. Wie­der­holt wer­den ihm wich­ti­ge Po­si­tio­nen ver­wehrt. We­der ge­lang ihm der Auf­stieg zum obers­ten Er­mitt­ler in Pa­ler­mo, noch er­hielt er den Vor­sitz der Na­tio­na­len An­ti­ma­fia-Di­rek­tion in Rom. In­ner­halb der Jus­tiz be­geg­nen ihm Miss­trau­en, Ri­va­li­tä­ten und of­fe­ne Ab­leh­nung. Zu­dem wur­de ihm eine pro­ble­ma­ti­sche Nähe zum Um­feld des frü­he­ren Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Giu­lio An­dre­ot­ti so­wie eine über­mä­ßi­ge me­di­a­le Prä­senz vor­ge­wor­fen.

Der Druck, der auf ihm las­tet, ist im­mens. Zer­rie­ben zwi­schen be­hörd­li­chen Rän­ke­spie­len und po­li­ti­schen In­tri­gen, lebt er in dem stän­di­gen Be­wusst­sein, dass Toto Rii­na sei­nen Tod plant. Zahl­rei­che Weg­ge­fähr­ten und Kol­le­gen sind be­reits den Mord­kom­man­dos der Cosa Nos­tra zum Op­fer ge­fal­len. Den­noch setzt er sei­ne Ar­beit un­be­irrt fort. Fal­co­ne sieht sich als Teil ei­ner Sta­fet­te, die je­der­zeit be­reit sein muss, den Stab wei­ter­zu­rei­chen, falls ein zu er­war­ten­der An­schlag Er­folg ha­ben soll­te. Auf den Kin­der­wunsch sei­ner Frau re­a­giert er mit der dras­ti­schen Be­mer­kung: „Man setzt kei­ne Wai­sen in die Welt!“

Savianos Dar­stel­lung ver­bin­det bio­gra­fi­sche Er­zäh­lung, kri­mi­na­lis­ti­sche Re­kon­struk­tion und po­li­ti­sche Ana­ly­se. Sei­ne jahr­zehn­te­lan­gen Re­cher­chen ha­ben ihn tief in die Struk­tu­ren der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät in Ita­lien ein­drin­gen las­sen. Dem­ent­spre­chend kann er die Kom­ple­xi­tät der Ver­flech­tun­gen zwi­schen or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät, Po­li­tik und Wirt­schaft, die Fal­co­ne und sei­ne Mit­strei­ter zur Grund­la­ge ih­rer Er­mitt­lun­gen ge­macht hat­ten, nach­voll­zie­hen und plau­si­bel dar­stel­len.

Zwei Monate nach Fal­co­nes Er­mor­dung wur­de Pa­ler­mo er­neut zum Schau­platz ei­nes An­schlags. Am 19. Juli 1992 de­to­nier­te in der Via d'Ame­lio eine Au­to­bom­be, die den Un­ter­su­chungs­rich­ter Pao­lo Bor­sel­li­no, ei­nen lang­jäh­ri­gen Freund und Kol­le­gen Fal­co­nes, und fünf Mit­glie­der sei­ner Es­kor­te tö­tet.

Roberto Saviano, 1979 in Nea­pel ge­bo­ren, ist ein ita­lie­ni­scher Schrift­stel­ler und Jour­na­list, der sich auf die The­men or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, Kor­rup­tion und Macht­miss­brauch spe­zia­li­siert hat. Welt­weit be­kannt wur­de er durch sein Buch „Go­morr­ha“, in dem er die Struk­tu­ren der nea­po­li­ta­ni­schen Ca­mor­ra of­fen­leg­te. Seit der Ver­öf­fent­li­chung lebt er un­ter per­ma­nen­tem Po­li­zei­schutz. Für sein pub­li­zis­ti­sches En­ga­ge­ment ge­gen das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen wur­de er mehr­fach aus­ge­zeich­net, un­ter an­de­rem 2009 mit dem Ge­schwis­ter-Scholl-Preis, 2012 mit dem Olof-Pal­me-Preis und 2016 mit dem M100 Me­dia Award. Mit „Fal­co­ne“ lie­fert er ein wei­te­res Werk, das sei­ne Po­si­tion als ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Chro­nis­ten der ita­lie­ni­schen or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät ein­drucks­voll be­stä­tigt. Kein li­te­ra­ri­sches Meis­ter­werk, was dem Le­se­er­leb­nis aber kei­nen Ab­bruch tut.


Roberto Saviano: Go­morr­ha. Rei­se in das Reich der Ca­mor­ra

Roberto Sa­via­no: Ze­ro Ze­ro Ze­ro. Wie Ko­ka­in die Welt be­herrscht

13. Juli 2026

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