Kassiber Antonio Tabucchi
Autoren Glossen Lyrik

Antonio Tabucchi:
Indisches Nacht­stück und ein Brief­wech­sel.
Deutsch von Karin Fleisch­an­derl.
Deutscher Taschen­buch Ver­lag 1997, 126 Seiten, ISBN 978-3-423-08360-7

Nach Gero von Wil­pert han­delt es sich bei ei­nem „Nacht­stück“ in der Li­te­ra­tur um eine „kur­ze Er­zähl­form der Ro­man­tik, die sich teils (...) mit selt­sa­men see­li­schen Er­schei­nun­gen (...) be­faßt, Phan­tas­ti­sches und Rea­lis­ti­sches mischt und viel­fach ins Gro­tes­ke mün­det.“ [1]

Man kann sich also auf ei­ni­ges ge­fasst ma­chen. Doch zu­nächst be­ge­ben wir uns mit dem Er­zäh­ler auf die Su­che nach ei­nem ver­schol­le­nen Freund, dem Por­tu­gie­sen Xa­vier Ja­na­ta Pin­to. Die Spur führt nach In­dien und dort über Bom­bay, Mad­ras und Man­ga­lo­re nach Goa. Sta­tio­nen sind un­ter an­de­rem ein Bor­dell, ein Kran­ken­haus, das eher ei­nem Sie­chen­a­syl gleicht, du­bi­o­se Ho­tels, die Theo­so­phi­cal So­cie­ty und schließ­lich ein Klos­ter. Was vor­erst als eine Be­schrei­bung exo­ti­scher Rei­se­ein­drü­cke er­scheint, lässt zu­neh­mend an der Ver­läss­lich­keit des Er­zäh­lers zwei­feln. An­deu­tun­gen ver­dich­ten sich, die eine Dop­pel­bö­dig­keit na­he­le­gen, um am Ende auch die­se nur als Chi­mä­re tra­di­tio­nel­ler Er­zähl­tech­nik zu un­ter­spü­len. Sucht da ei­ner sei­nen Dop­pel­gän­ger oder sich selbst? Wer ist der Su­chen­de und wer der Ge­such­te? In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen sie zu­ei­nan­der? Oder ver­schlei­ern sol­che Fra­gen mehr, als sie zur Klä­rung des Rät­sels bei­tra­gen?

Tabucchis Erzählung ge­nügt den An­sprü­chen ei­nes „Nacht­stücks“ per­fekt. Pas­sa­gen, die wie Traum­se­quen­zen wir­ken (und manch­mal auch wel­che sind), ge­hen über in nächt­li­che Be­geg­nun­gen der un­be­stimm­ten und un­be­stimm­ba­ren Art. Un­heim­li­che Ge­stal­ten tre­ten auf und wie­der ab, und die Ku­lis­sen mä­an­dern – wie die Ge­sprä­che der Pro­ta­go­nis­ten – ins Un­ge­wis­se.

Unter der Ober­flä­che der Rei­se ver­birgt sich eine sub­ti­le Be­trach­tung über die Un­er­gründ­lich­keit von Iden­ti­tät, Er­in­ne­rung und den Gren­zen des Selbst wie auch des An­de­ren. De­kon­struk­tion à la Der­ri­da oder eine raf­fi­nier­te li­te­ra­ri­sche Kom­po­si­tion?

„‚Irgend etwas in Ihrem Buch stimmt nicht‘, sag­te Chris­ti­ne, ‚ich weiß nicht recht, was, aber ir­gend et­was stimmt nicht.‘
‚Das glaube ich auch‘, ant­wor­te­te ich.“ ;-)


* Gero von Wilpert: Sach­wör­ter­buch der Li­te­ra­tur, Stutt­gart 1979, S. 536


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