Tanizaki Jun'ichiro:
Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik.
Aus dem Japanischen übertragen von Eduard Kloppenstein.
Manesse Verlag 1993, 85 Seiten, ISBN 3-7175-8109-0
1933 erschienen, handelt dieser schmale Essay von der japanischen Ästhetik des Halblichts, der Patina und der Stille und entfaltet dabei eine philosophische Dichte, die über seine knappe Form hinausreicht. Das Buch ist ein Manifest des Schönen, das sich grundlegend von der okzidentalen Tradition unterscheidet; gleichzeitig ist es eine Elegie auf eine Welt, die Tanizaki schon zu seinen Lebzeiten verschwinden sah.
Entstanden ist der Essay aus einer ganz persönlichen Erfahrung: dem Bau seines eigenen Hauses. Tanizaki bemerkt, wie schwer es ist, bei einem Neubau die ästhetischen Qualitäten der traditionellen japanischen Wohnkultur zu bewahren. Aus diesem alltäglichen Ausgangspunkt, der Frage etwa, wo der Abort platziert werden soll oder wie die Zimmerdecke zu gestalten sei, entwickelt sich nach und nach ein kulturphilosophisches Panorama.
Tanizaki verfasste diesen Essay in einer Periode kultureller Ambivalenz. Japan befand sich mitten in einem radikalen Modernisierungsschub, elektrisches Licht verdrängte den Kerzenschein, westliche Architektur mit Stahl und Beton trat an die Stelle traditioneller Holzbauten, und der herrschende Fortschrittsgedanke ließ das Alte zunehmend wie einen Makel erscheinen. Tanizaki selbst war kein reaktionärer Nationalist, er hatte in seiner früheren Karriere westliche Einflüsse begeistert aufgenommen und war für seine provokativen, sinnlichen Romane bekannt.
Der Essay verzichtet auf eine strenge argumentative Struktur. Er bewegt sich assoziativ, schweift ab, kehrt zurück und verweilt bei Gegenständen, die zunächst beiläufig erscheinen. Doch genau darin liegt seine Kunst. Tanizaki beginnt mit der Architektur und dem Licht. Er beobachtet, dass japanische Häuser, mit ihren tiefen Vordächern, den matten Shoji-Schiebewänden und den lackverhüllten Nischen, darauf ausgelegt sind, Licht nicht einzulassen, sondern zu filtern, zu brechen, zu verdunkeln. Schönheit entsteht so nicht durch Helligkeit, sondern durch das Wechselspiel von Licht und Schatten. Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkeln glänzt und bei Tageslicht jeden Reiz als Juwel verliert, gebe es ohne Schattenwirkung keine Schönheit, schreibt er. Schatten sind kein Mangel an Licht, sondern dessen Veredelung.
Von der Architektur schweift Tanizaki zur Kunst des Lackierens: Ein schwarz lackiertes Tablett, so beschreibt er es, offenbart seine eigentliche Schönheit erst im Kerzenschein oder im Halbdunkel eines traditionellen Speiseraums. Das gleißende Licht einer Deckenlampe würde diesen Effekt zerstören. Auch das Nō-Theater dient ihm als Beispiel: Die gold- und silberdurchwirkten Gewänder der Darsteller entfalten im Halbschatten der kaum beleuchteten Bühne, zusammen mit den sorgfältig gearbeiteten Masken und der dunklen Holzkulisse, eine nuancenreiche Wirkung, die im hellen Licht bloß protzig erscheinen würde.
Ebenso feiert er die trübe Schönheit von Goldoberflächen in sparsam beleuchteten Tempeln, die stille Würde alter Speiseschalen und die japanische Toilette als einen Ort kontemplativer Ruhe, umgeben von Holz und Stein, mit Blick auf einen kleinen Garten, eine Meditation über den Wert des Rückzugs und der Sammlung.
Der eigentliche philosophische Kern des Essays liegt im Kontrast zweier Zivilisationen und ihrem Verhältnis zur Dunkelheit. Die europäisch-westliche Ästhetik strebe nach Klarheit, Helligkeit, Transparenz, nach dem Licht als Träger von Erkenntnis und Schönheit. Das japanische ästhetische Empfinden hingegen finde seine Schönheit gerade im Verborgenen, Andeutungshaften, Unvollendeten.
Tanizakis Blick auf Frauen ist derjenige einer patriarchalen Tradition, in der weibliche Schönheit als etwas für den männlichen Betrachter Geschaffenes gilt. Dementsprechend beschreibt er die Sitte, den Körper japanischer Frauen nahezu unsichtbar zu machen, um das Gesicht umso deutlicher herausstechen zu lassen. Die Körperformen verbergende Kleidung und schwarz gefärbte Zähne kontrastieren mit dem weiß gepuderten Gesicht.
Am Ende steht die Einsicht, sich den Einflüssen westlich geprägter Ästhetik nicht wirklich widersetzen zu können. Aber: „Ich jedenfalls möchte versuchen, unsere schon halbverlorene Welt der Schatten wenigstens im Bereich des literarischen Werks wieder aufleben zu lassen.“ S. 74
Tanizaki Jun'ichiro (1886–1965) studierte japanische Literatur an der Kaiserlichen Universität Tokio, brach das Studium jedoch ab, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ab 1923 wandte er sich zunehmend von westlichen Einflüssen ab und der traditionellen japanischen Ästhetik und Kultur zu. Nach 1945 galt er als einer der bedeutendsten lebenden japanischen Schriftsteller und wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.
Tanizaki schrieb in einem sinnlichen, oft langen und fließenden Satzbau, der stark von der traditionellen japanischen Prosa geprägt ist. Wiederkehrende Themen sind die Ambivalenz zwischen Tradition und Moderne, zwischen West und Ost, das erotische Begehren als treibende psychologische Kraft, sowie eine ausgeprägte Sinnlichkeit für Stoffe, Licht, Düfte und körperliche Details.
Der Text auf dem Umschlag lautet übersetzt: „…dass es einen Trend gibt, sich Mühe zu geben, diese Einrichtungen irgendwie mit japanischen Zimmern (Tatami-Räumen) harmonieren zu lassen – das merkt sogar jemand, der selbst noch nie ein Haus gebaut hat, wenn er die Räume von Teehäusern, traditionellen Restaurants, Gasthäusern (Ryokan) und Ähnlichem betritt…“
→ Wortfelder : Schatten
8. Juli 2026