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Optima philosophia et sapientia est meditatio mortis
Gewidmet Ulrich Single, Günther Schimanski, Klaus Peter Schmidt, Ada and Willi Medeke, Renate.
Die Geschichte der Totentänze in Europa
Vorbemerkung
Die Idee der Vergänglichkeit und der universellen Macht des Todes ist kein ausschließlich mittelalterliches Phänomen. Bereits in der Antike finden sich Motive, die die Unausweichlichkeit des Todes thematisieren. So zeigen römische Sarkophage und Grabmale Szenen, in denen der Tod als Skelett oder als geflügelter Genius auftritt. Besonders bekannt ist das Motiv des „Triumphs des Todes“ („Triomphe de la Mort“), das in der Spätantike und im frühen Mittelalter in verschiedenen Varianten erscheint. Diese Darstellungen betonen die Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Tod, ohne jedoch die soziale Gleichheit aller Sterblichen explizit zu thematisieren.
Im Hochmittelalter gewannen die Themen „Memento mori“ („Bedenke, dass du sterblich bist“) und „Ars moriendi“ („Kunst des Sterbens“) an Bedeutung. Beide Traditionen bereiteten den Boden für den Totentanz. Die „Ars moriendi“-Literatur des 15. Jahrhunderts lehrte die Gläubigen, einen guten Tod zu sterben, während das „Memento mori“ die Vergänglichkeit des irdischen Lebens betonte. Diese Motive wurden in Predigten, Andachtsbüchern und Bilderfolgen verbreitet und prägten die Frömmigkeitskultur des Spätmittelalters.
Ursprung: Pest, Predigt und öffentliche Bilder (14.–15. Jahrhundert)
Der Totentanz (französisch „Danse Macabre“) zählt zu den bedeutendsten bildkünstlerischen und literarischen Motiven des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Als allegorische Darstellung der Vergänglichkeit und der Gleichheit aller Menschen vor dem Tod durchbricht er soziale Schranken und verbindet religiöse Mahnung mit gesellschaftskritischer Aussage. Die europäische Tradition des Totentanzes entstand im Klima der großen Krisen des Spätmittelalters: wiederkehrende Pestwellen ab 1348, Kriege, Hungersnöte und eine daraus erwachsene Frömmigkeit, die Vergänglichkeit zentral stellte. Geistliche Moralpredigten und „Memento mori“-Motivik verschmolzen mit visuellen Medien, die ein breites Publikum erreichten: Wandmalereien an Kirchenschiffen, Friedhofsmauern und Klosterhallen.
Die erste überlieferte bildliche Darstellung eines Totentanzes findet sich auf dem „Friedhof der Heiligen Unschuldigen“ („Cimetière des Innocents“) in Paris. Das um 1424–1425 entstandene Wandgemälde zeigte eine Reihe von Toten, die Lebende aus verschiedenen Ständen zum Tanz auffordern. Diese Darstellung war Teil eines größeren Zyklus, der die Vergänglichkeit des irdischen Lebens illustrierte. Der Pariser Totentanz ist nicht erhalten, überliefert sind spätere Kopien und Beschreibungen. Sicher überliefert sind bald darauf Zyklen in deutschsprachigen und hansischen Zentren. Das Grundprinzip war überall ähnlich: Der klassische Totentanz zeigt eine Reihe von Figuren, die in einer Prozession oder im Kreis tanzen. Jeder Lebende – unabhängig von Stand, Geschlecht oder Alter – wird von einem Skelett oder einer Leiche zum Tanz aufgefordert. Die Reihenfolge der Figuren folgt meist einer sozialen Hierarchie: Papst, Kaiser, Kardinal, König, Bischof, Ritter, Bürger, Bauer, Kind. Diese Abfolge unterstreicht die Botschaft der sozialen Gleichheit im Angesicht des Todes.
Die großen Zyklen Nordeuropas (ca. 1460–1500)
- Lübeck (Marienkirche, um 1463): Dem Maler Bernt Notke (ca. 1435–1509) zugeschrieben; der Zyklus erlangte Vorbildcharakter (im Zweiten Weltkrieg zerstört, später rekonstruiert).
- Tallinn/Reval (Nikolaikirche, spätes 15. Jahrhundert): Ein Notke zugeschriebener Totentanz, mit einigen aus dem Lübecker Totentanz übereinstimmenden Motiven.
- Basel (Dominikanerkloster, Mitte 15. Jahrhundert): Ein besonders langer Reigen mit Dutzenden Paaren; die Basler Fassung prägte spätere Abschriften und Drucke.
- La Chaise-Dieu (Auvergne, ca. 1470): Ein französischer Fresken-Zyklus, der die Thematik mit lokaler Ikonographie verbindet.
- England: Der „Totentanz von St. Paul's Cathedral“ (15. Jahrhundert) ist nur fragmentarisch überliefert, zeigt aber ähnliche Strukturen wie die kontinentalen Vorbilder.
Der Totentanz diente vor allem als Mahnmal und sollte die Betrachter zur Buße und einem gottesfürchtigen Leben anhalten. Die Betonung der Vergänglichkeit entsprach der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, die den Tod als Übergang zum Jüngsten Gericht verstand. Indem der Totentanz alle Stände – von Papst bis Bauer – gleich behandelt, enthält er eine implizite Kritik an sozialen Ungleichheiten. Diese Botschaft war besonders in Zeiten sozialer Spannungen, wie während der Bauernkriege oder der Reformation, relevant. In einigen Fällen wurde der Totentanz auch politisch instrumentalisiert. So nutzte die Reformation das Motiv, um die Korruption der Kirche anzuprangern. In katholischen Regionen blieb der Totentanz dagegen ein Mittel der kirchlichen Lehre.
Vom Fresko zum Flugblatt: Druckgraphik der Reformation (16. Jahrhundert)
Mit dem Buch- und Bilddruck wandert der Totentanz aus Kirchenräumen in Bücherstuben und Stubenwände. Maßstabsetzend werden die Holzschnitte Hans Holbeins d. J. (erschienen 1538, geschaffen in den 1520ern). Holbein verknappt das Motiv zu pointierten Einzelszenen: Der Tod erscheint im entscheidenden Augenblick – beim Musikanten, Arzt, Kaufmann oder der Königin – und entlarvt Eitelkeit und Macht. Diese kleinformatigen Blätter verbreiten sich europaweit, werden kopiert, koloriert und in reformatorischer wie katholischer Polemik gleichermaßen genutzt. Der Reigen wird zur tragfähigen sozialen Satire.
Barocke Varianten, Aufklärung und Volksbrauch (17.–18. Jahrhundert)
Während monumentale Neuschöpfungen seltener werden, lebt das Motiv in illustrierten Bibeln, Erbauungsschriften, Kalendern und Bühnenformen fort (Fastnachtsspiele, Predigtschauspiel, Prozessionen mit „tanzenden Skeletten“). Die barocke Vanitas-Ikone (Stundenglas, Totenkopf, verwelkende Blüte) verschiebt den Ton von sozialem Spott zu metaphysischer Betrachtung. In katholischen Regionen bleibt der Totentanz als Volksbrauch sichtbar; in aufgeklärten Milieus wird er zur antiquarischen Kuriosität – aber nie ganz vergessen.
Romantik, Historismus und Moderne (19.–21. Jahrhundert)
Die Romantik entdeckt die „Nachtseiten“ der Geschichte neu: Totentänze werden gesammelt, publiziert, restauriert; Komponist*innen (z. B. Camille Saint-Saëns’ Danse macabre, 1874) und Dichter greifen das Thema auf. Der Historismus rekonstruiert zerstörte Zyklen (etwa in Lübeck) und malt neue nach alten Mustern. Im 20. Jahrhundert wird die Chiffre in Film (z. B. Bergmans Schachpartie mit dem Tod), Grafik (z.B. HAP Grieshabers „Totentanz von Basel“) und Populärkultur zum Symbol existenzieller Gleichheit – oft mit einem Hauch schwarzen Humors.
Alfred Rethel: Auch ein Totentanz
Hugo Ball: Totentanz
Baseler Totentanz
Berliner Totentanz (Marienkirche)
Cartesian Dance of Death Totentanz in Kralovo Pole
The Dance of St. Paul's Sources and Resources
Danse Macabre
Danse macabre (Charles Baudelaire)
Danse Macabre (Papercutting/Scherenschnitt)
Danse Macabre Dance of Death
Danse macabre (Camille Saint-Saëns)
Dresdner Totentanz
Dresdner Toten Tanz
Europäische Totentanz-Vereinigung, Danses Macabres d'Europe
Füssener Totentanz
Johann Wolfgang Goethe: Totentanz
Heidelberger Totentanz
Lübecker Totentanz
Österreichische Totentänze
Rainer Maria Rilke: Toten-Tanz
Sextener Totentanz von Rudolf Stolz (Südtirol)
Tallin's Dance of Death
Totentänze in Deutschland (Mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Totentanz-Vereinigung)
Totentanz (Hans Holbein d. J.)
Der Totentanz von Pest, Tänzen, Bildern und Musik
Der Zizenhausener Totentanz

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