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Autoren Glossen Lyrik

Totentanz Michael Wolgemut

Optima philosophia et sapientia
est meditatio mortis

Gewidmet Ulrich Single, Günther Schimanski, Klaus Peter Schmidt, Ada and Willi Medeke, Renate.

Die Geschichte der To­ten­tän­ze in Eu­ro­pa

Vorbemerkung

Die Idee der Ver­gäng­lich­keit und der uni­ver­sel­len Macht des To­des ist kein aus­schließ­lich mit­tel­al­ter­li­ches Phä­no­men. Be­reits in der An­ti­ke fin­den sich Mo­ti­ve, die die Un­aus­weich­lich­keit des To­des the­ma­ti­sie­ren. So zei­gen rö­mi­sche Sar­ko­pha­ge und Grab­ma­le Sze­nen, in de­nen der Tod als Ske­lett oder als ge­flü­gel­ter Ge­nius auf­tritt. Be­son­ders be­kannt ist das Mo­tiv des „Tri­umphs des To­des“ („Triomphe de la Mort“), das in der Spät­an­ti­ke und im frü­hen Mit­tel­al­ter in ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten er­scheint. Die­se Dar­stel­lun­gen be­to­nen die Ohn­macht des Men­schen ge­gen­über dem Tod, ohne je­doch die so­zia­le Gleich­heit al­ler Sterb­li­chen ex­pli­zit zu the­ma­ti­sie­ren.

Im Hoch­mit­tel­al­ter ge­wan­nen die The­men „Me­men­to mori“ („Be­den­ke, dass du sterb­lich bist“) und „Ars mo­rien­di“ („Kunst des Ster­bens“) an Be­deu­tung. Bei­de Tra­di­tio­nen be­rei­te­ten den Bo­den für den To­ten­tanz. Die „Ars mo­rien­di“-Li­te­ra­tur des 15. Jahr­hun­derts lehr­te die Gläu­bi­gen, ei­nen gu­ten Tod zu ster­ben, wäh­rend das „Me­men­to mori“ die Ver­gäng­lich­keit des ir­di­schen Le­bens be­ton­te. Die­se Mo­ti­ve wur­den in Pre­dig­ten, An­dachts­bü­chern und Bil­der­fol­gen ver­brei­tet und präg­ten die Fröm­mig­keits­kul­tur des Spät­mit­tel­al­ters.

Ursprung: Pest, Pre­digt und öf­fent­li­che Bil­der (14.–15. Jahr­hun­dert)

Der To­ten­tanz (fran­zö­sisch „Danse Ma­ca­bre“) zählt zu den be­deu­tends­ten bild­künst­le­ri­schen und li­te­ra­ri­schen Mo­ti­ven des spä­ten Mit­tel­al­ters und der frü­hen Neu­zeit. Als alle­go­ri­sche Dar­stel­lung der Ver­gäng­lich­keit und der Gleich­heit al­ler Men­schen vor dem Tod durch­bricht er so­zia­le Schran­ken und ver­bin­det re­li­giö­se Mah­nung mit ge­sell­schafts­kri­ti­scher Aus­sa­ge. Die eu­ro­pä­ische Tra­di­tion des To­ten­tan­zes ent­stand im Kli­ma der gro­ßen Kri­sen des Spät­mit­tel­al­ters: wie­der­keh­ren­de Pest­wel­len ab 1348, Krie­ge, Hun­gers­nö­te und eine da­raus er­wach­se­ne Fröm­mig­keit, die Ver­gäng­lich­keit zen­tral stell­te. Geist­li­che Mo­ral­pre­dig­ten und „Me­men­to mori“-Mo­ti­vik ver­schmol­zen mit vi­su­el­len Me­dien, die ein brei­tes Pu­bli­kum er­reich­ten: Wand­ma­le­rei­en an Kir­chen­schif­fen, Fried­hofs­mau­ern und Klos­ter­hal­len.

Die erste über­lie­fer­te bild­li­che Dar­stel­lung ei­nes To­ten­tan­zes fin­det sich auf dem „Fried­hof der Hei­li­gen Un­schul­di­gen“ („Cime­tière des Inno­cents“) in Pa­ris. Das um 1424–1425 ent­stan­de­ne Wand­ge­mäl­de zeig­te eine Rei­he von To­ten, die Le­ben­de aus ver­schie­de­nen Stän­den zum Tanz auf­for­dern. Die­se Dar­stel­lung war Teil ei­nes grö­ße­ren Zyk­lus, der die Ver­gäng­lich­keit des ir­di­schen Le­bens il­lus­trier­te. Der Pa­ri­ser To­ten­tanz ist nicht er­hal­ten, über­lie­fert sind spä­te­re Ko­pien und Be­schrei­bun­gen. Si­cher über­lie­fert sind bald da­rauf Zyk­len in deutsch­spra­chi­gen und han­si­schen Zent­ren. Das Grund­prin­zip war über­all ähn­lich: Der klas­si­sche To­ten­tanz zeigt eine Rei­he von Fi­gu­ren, die in ei­ner Pro­zes­sion oder im Kreis tan­zen. Je­der Le­ben­de – un­ab­hän­gig von Stand, Ge­schlecht oder Al­ter – wird von ei­nem Ske­lett oder ei­ner Lei­che zum Tanz auf­ge­for­dert. Die Rei­hen­fol­ge der Fi­gu­ren folgt meist ei­ner so­zia­len Hie­rar­chie: Papst, Kai­ser, Kar­di­nal, Kö­nig, Bi­schof, Rit­ter, Bür­ger, Bau­er, Kind. Die­se Ab­fol­ge un­ter­streicht die Bot­schaft der so­zia­len Gleich­heit im An­ge­sicht des To­des.

Die großen Zyk­len Nord­eu­ro­pas (ca. 1460–1500)

  • Lübeck (Marien­kirche, um 1463): Dem Ma­ler Bernt Not­ke (ca. 1435–1509) zu­ge­schrie­ben; der Zyk­lus er­lang­te Vor­bild­cha­rak­ter (im Zwei­ten Welt­krieg zer­stört, spä­ter re­kons­tru­iert).
  • Tallinn/Reval (Niko­lai­kir­che, spä­tes 15. Jahr­hun­dert): Ein Not­ke zu­ge­schrie­be­ner To­ten­tanz, mit ei­ni­gen aus dem Lü­be­cker To­ten­tanz über­ein­stim­men­den Mo­ti­ven.
  • Basel (Domini­kaner­klos­ter, Mit­te 15. Jahr­hun­dert): Ein be­son­ders lan­ger Rei­gen mit Dut­zen­den Paa­ren; die Bas­ler Fas­sung präg­te spä­te­re Ab­schrif­ten und Dru­cke.
  • La Chaise-Dieu (Au­vergne, ca. 1470): Ein fran­zö­si­scher Fres­ken-Zyk­lus, der die The­ma­tik mit lo­ka­ler Iko­no­gra­phie ver­bin­det.
  • England: Der „To­ten­tanz von St. Paul's Cathe­dral“ (15. Jahr­hun­dert) ist nur frag­men­ta­risch über­lie­fert, zeigt aber ähn­li­che Struk­tu­ren wie die kon­ti­nen­ta­len Vor­bil­der.

Der To­ten­tanz dien­te vor al­lem als Mahn­mal und soll­te die Be­trach­ter zur Buße und ei­nem got­tes­fürch­ti­gen Le­ben an­hal­ten. Die Be­to­nung der Ver­gäng­lich­keit ent­sprach der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Fröm­mig­keit, die den Tod als Über­gang zum Jüngs­ten Ge­richt ver­stand. In­dem der To­ten­tanz alle Stän­de – von Papst bis Bau­er – gleich be­han­delt, ent­hält er eine im­pli­zi­te Kri­tik an so­zia­len Un­gleich­hei­ten. Diese Bot­schaft war be­son­ders in Zei­ten so­zia­ler Span­nun­gen, wie wäh­rend der Bau­ern­krie­ge oder der Re­for­ma­tion, re­le­vant. In ei­ni­gen Fäl­len wur­de der To­ten­tanz auch po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert. So nutz­te die Re­for­ma­tion das Mo­tiv, um die Kor­rup­tion der Kir­che an­zu­pran­gern. In ka­tho­li­schen Re­gio­nen blieb der To­ten­tanz da­ge­gen ein Mit­tel der kirch­li­chen Leh­re.

Vom Fresko zum Flug­blatt: Druck­gra­phik der Re­for­ma­tion (16. Jahr­hun­dert)

Mit dem Buch- und Bild­druck wan­dert der To­ten­tanz aus Kir­chen­räu­men in Bü­cher­stu­ben und Stu­ben­wän­de. Maß­stab­set­zend wer­den die Holz­schnit­te Hans Hol­beins d. J. (er­schie­nen 1538, ge­schaf­fen in den 1520ern). Hol­bein ver­knappt das Mo­tiv zu poin­tier­ten Ein­zel­sze­nen: Der Tod er­scheint im ent­schei­den­den Au­gen­blick – beim Mu­si­kan­ten, Arzt, Kauf­mann oder der Kö­ni­gin – und ent­larvt Ei­tel­keit und Macht. Die­se klein­for­ma­ti­gen Blät­ter ver­brei­ten sich eu­ro­pa­weit, wer­den ko­piert, ko­lo­riert und in re­for­ma­to­ri­scher wie ka­tho­li­scher Po­le­mik glei­cher­ma­ßen ge­nutzt. Der Rei­gen wird zur trag­fä­hi­gen so­zia­len Sa­ti­re.

Barocke Varian­ten, Auf­klä­rung und Volks­brauch (17.–18. Jahr­hun­dert)

Während mo­nu­men­ta­le Neu­schöp­fun­gen sel­te­ner wer­den, lebt das Mo­tiv in il­lus­trier­ten Bi­beln, Er­bau­ungs­schrif­ten, Ka­len­dern und Büh­nen­for­men fort (Fast­nachts­spie­le, Pre­digt­schau­spiel, Pro­zes­sio­nen mit „tan­zen­den Ske­let­ten“). Die ba­ro­cke Va­ni­tas-Iko­ne (Stun­den­glas, To­ten­kopf, ver­wel­ken­de Blü­te) ver­schiebt den Ton von so­zia­lem Spott zu me­ta­phy­si­scher Be­trach­tung. In ka­tho­li­schen Re­gio­nen bleibt der To­ten­tanz als Volks­brauch sicht­bar; in auf­ge­klär­ten Mi­lieus wird er zur an­ti­qua­ri­schen Ku­rio­si­tät – aber nie ganz ver­ges­sen.

Romantik, Histo­ris­mus und Mo­der­ne (19.–21. Jahr­hun­dert)

Die Romantik ent­deckt die „Nacht­sei­ten“ der Ge­schich­te neu: To­ten­tän­ze wer­den ge­sam­melt, pu­bli­ziert, res­tau­riert; Kom­po­nis­t*in­nen (z. B. Camille Saint-Saëns’ Danse ma­cabre, 1874) und Dich­ter grei­fen das The­ma auf. Der His­to­ris­mus re­kon­stru­iert zer­stör­te Zyk­len (etwa in Lü­beck) und malt neue nach al­ten Mus­tern. Im 20. Jahr­hun­dert wird die Chiff­re in Film (z. B. Berg­mans Schach­par­tie mit dem Tod), Gra­fik (z.B. HAP Gries­ha­bers „To­ten­tanz von Ba­sel“) und Po­pu­lär­kul­tur zum Sym­bol exis­ten­ziel­ler Gleich­heit – oft mit ei­nem Hauch schwar­zen Hu­mors.


Alfred Rethel: Auch ein Totentanz

Hugo Ball: Totentanz

Baseler Totentanz

Berliner Totentanz (Marienkirche)

Cartesian Dance of Death Totentanz in Kralovo Pole

The Dance of St. Paul's Sources and Resources

Danse Macabre

Danse macabre (Charles Baudelaire)

Danse Macabre (Papercutting/Scherenschnitt)

Danse Macabre Dance of Death

Danse macabre (Camille Saint-Saëns)

Dresdner Totentanz

Dresdner Toten Tanz

Europäische Totentanz-Vereinigung, Danses Macabres d'Europe

Füssener Totentanz

Johann Wolfgang Goethe: Totentanz

Heidelberger Totentanz

Lübecker Totentanz

Österreichische Totentänze

Rainer Maria Rilke: Toten-Tanz

Sextener Totentanz von Rudolf Stolz (Südtirol)

Tallin's Dance of Death

Totentänze in Deutschland (Mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Totentanz-Ver­einigung)

Totentanz (Hans Holbein d. J.)

Der Totentanz von Pest, Tänzen, Bildern und Musik

Der Zizenhausener Totentanz

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