Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten Mathias Énard
Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Berlin Verlag 2011, 172 Seiten
ISBN 978-3-8270-1005-6

Seit über einem Jahr arbeitet Michelangelo Buonarroti1 schon an dem Grabmal für den noch lebenden Papst Julius II.2 Auf seine Bitten, ihm Geld für seine Auslagen und die Löhne der Arbeiter zukommen zu lassen, reagiert der Papst mit Ausflüchten und empfängt ihn schließlich nicht mehr. Verärgert und gedemütigt verlässt Michelangelo Rom und zieht sich nach Florenz zurück, wo er sich sicher vor den Schergen des Papstes weiß, die ihn zurückholen sollen. Eines Tages erscheinen zwei Franziskanermönche und überbringen ihm ein versiegeltes Schreiben, dessen Absender sich als der Sultan von Konstantinopel, Bayezid II.3, herausstellt. Er schlägt Michelangelo vor, eine Brücke über das Goldene Horn4 zu entwerfen, die den Orient mit dem Okzident verbinden würde. Die Entlohnung wäre märchenhaft. Der Reiz ist groß, immerhin war Leonardo da Vinci an diesem Projekt gescheitert5, aber würde er sich nicht den Papst damit zum Feind machen? Nach einigem Zögern lässt sich Michelangelo darauf ein und erreicht am 13. Mai 1506 Konstantinopel.

Die Stadt fasziniert Michelangelo. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, der lebhafte Handel, die Lebendigkeit lassen ihn durch die Straßen ziehen, beobachtend und am Abend eine Fülle von Zeichnungen zu Papier bringend. Nur für die Brücke fehlen ihm noch die Ideen. Er besichtigt die Werkstatt, in der er alte Modelle findet, die noch von Leonardo stammen. Er zerstört sie. Der Besuch der Hagia Sophia inspiriert ihn, er lässt sich Pläne bringen, studiert sie akribisch.

Am Abend besucht er in Begleitung seines Dolmetschers und des Dichters Mesihi6, der zugleich einer der engsten Berater des Großwesirs ist, ein Fest. Die fremdartige Musik erregt ihn, eine Tänzerin (oder ist es ein Tänzer?), der Wein berauschen ihn. Eine neue und irritierende Erfahrung.

Immer noch keine Ideen für den Bau der Brücke, die zwei Festungen miteinander verbinden soll, um die herum eine neue Stadt entstehen soll. Ein anonymer Brief droht ihm mit Exkommunikation, falls er nicht bald zurück nach Rom kommen sollte, um das Grabmal fertig zu stellen7. Mesihi lädt ihn zu einer Tour durch diverse Tavernen ein, in einer trifft er wieder auf den Tänzer/die Tänzerin, ist wieder wie verzaubert von seinem/ihrem Gesang, den aufreizenden Bewegungen. Arslan, der lange in Venedig gelebt hat und perfekt italienisch spricht, stellt sich ihnen vor. Und er lädt sie zu sich nach Hause ein, um dort weiter zu feiern. Einschließlich des androgynen Wesens, von dem Michelangelo seine Augen nicht lassen kann. Mesihi, der inzwischen Michelangelo liebt, erlebt voller Eifersucht, dass sich Michelangelo und der Tänzer/die Tänzerin zurückziehen. Michelangelo lauscht im Dunkeln dem leisen Gesang, spürt dann einen Körper, der sich an ihn schmiegt.

Am nächsten Tag, Michelangelo und Mesihi haben sich in einem Dampfbad die vergangene Nacht herausgeschwitzt, erlebt Michelangelo endlich die Vision der Brücke, die er bauen muss. Entwürfe entstehen, Modelle werden angefertigt, der Sultan ist begeistert. Aber es gibt erneut Probleme mit der Bezahlung. Sie soll erst in einem fortgeschrittenen Stadium des Baus erfolgen, eine weitere Demütigung.

Auf einem von italienischen Händlern ausgerichteten Fest trifft Michelangelo erneut auf die Tänzerin/den Tänzer, sie ziehen sich wieder zurück. Doch inzwischen hat Arslan, der im Auftrag des Großwesirs gegen Michelangelo intrigiert, um ihn beim Sultan zu diskreditieren, den Tänzer/die Tänzerin unter Druck gesetzt, sie soll Michelangelo töten. Mesihi hat davon erfahren und tötet im letzten Moment seinerseits die Tänzerin/den Tänzer8. Michelangelo, der von all dem nichts weiß, ist empört und schlägt Mesihi nieder. Er verlässt daraufhin heimlich die Stadt, Arslan zieht im Hintergrund die Fäden und ermöglicht ihm die schnelle Flucht zurück nach Italien.

Epilog: Am 14. September 1509 wird Konstantinopel von einem starken Erbeben erschüttert9, das Teile der Stadt zerstört, Tausende sterben, Michelangelos Brücke, die noch in ihren Anfängen steht, wird vollständig zerstört. Mesihi, der so erfolgreiche Günstling des Wesirs, gibt sich vollends Wein und Opium hin, er stirbt verarmt und vergessen.

Wir hören drei Stimmen aus dem Buch zu uns sprechen: den auktorialen Erzähler, Michelangelo aus Briefen, die er an Freunde in Italien schreibt, und die Andalusierin10, wie sie in den letzten Kapiteln des Buches genannt wird, die androgyne Gestalt, deren Geschlecht so uneindeutig geblieben ist wie die Identitäten vieler Personen, die uns Énard vorstellt. Auch die Stadt – Konstantinopel, Istanbul11 –, in der Muslime, Christen und Juden zum gegenseitigen Nutzen miteinander leben, ist geprägt durch Vielfalt, durch Uneindeutigkeit. Wie die Hagia Sophia, die Moschee, hinter deren Verschalungen sich die christlichen Bilder und Symbole verbergen12 und deren Pracht alles überstrahlt. Énards Thema sind – wie später auch in seinem 2015 erschienenen "Boussole" (in deutscher Übersetzung "Kompass") – die Brücken, die Orient und Okzident verbinden.

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1. Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni (1475 – 1564) bedeutender Maler, Bildhauer, Dichter und Baumeister.

2. Julius II. (1443 – 1513) war 10 Jahre lang Papst der römisch-katholischen Kirche. Er initiierte den Bau des Petersdoms (ab 1506) und verfügte über einen ausgeprägten Kunstsinn. Er war politisch und militärisch ambitioniert und zeugte drei Töchter.

3. Bayezid II. (1447 oder 1448 – 1512) war seit 1481 Sultan des Osmanischen Reiches. Er schrieb Gedichte und ließ die Beyazit-Moschee errichten.

4. Meeresarm am Bosporus.

5. Leonardo bot 1502 dem Sultan an, eine Brücke über das Goldene Horn zu bauen. In seinen Skizzenbüchern findet sich ein Entwurf über die 350 Meter lange Brücke, die er dafür geplant hatte. Das Angebot blieb unbeantwortet.

6. Mesihi aus Pristina (ca. 1470 – 1512) war einer der bedeutendsten Dichter seiner Zeit. Auch als Kalligraph machte er sich einen Namen. Darüber hinaus war er der Sekretär des Großwesirs Khadim Ali Pasha.

7. Die Arbeiten am Juliusgrabmal begannen im Jahr 1505 und endeten 1545. Es steht in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom. Papst Julius II. ist allerdings im Petersdom bestattet werden, das Grabmal ist ein reiner Kenotaph.

8. Mit einem Dolch, den Michelangelo im Auftrag eines Italieners hatte herstellen lassen.

9. Die Chroniken verzeichnen den 10. September 1509 als Tag des Bebens, das in der ganzen Region Menschenleben kostete und zu erheblichen Zerstörungen führte. Énard verlegt das Ereignis auf den 14. September, auf den Tag, an dem Michelangelo seine Arbeiten in der Sixtinischen Kapelle begonnen haben soll.

10. Die namenlose androgyne Gestalt wird als Jüdin beschrieben, die nach dem Alhambra-Edikt (1492), das die Vertreibung der Juden aus Spanien vorsah, als Kind nach Istanbul fliehen konnte, wo Sultan Bayezid II. den Juden Asyl angeboten hatte.

11. Ursprünglich als Byzantion (Byzanz) gegründet, wurde die Stadt nach dem Tod des römischen Kaisers Konstantin der Große, der dort seine Hauptresidenz errichtet hatte, im Jahr 337 in Konstantinopel umbenannt. Unter den Osmanen wurde die Stadt bereits seit dem 15. Jahrhundert alternativ Istanbul genannt. Der Name setzte sich international erst ab den 1930er Jahren durch.

12. Die Hagia Sophia wurde in den Jahren 532 bis 537 als byzantinische Kirche gebaut. Zwischen 1453 und 1935 wurde sie als Moschee genutzt. Bis 2020 war sie Museum und ist aktuell wieder Moschee.

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25. September 2020

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