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Autoren Glossen Lyrik

Mathias Enard: Kompass Mathias Énard
Kompass. Roman.
Übersetzt v. Holger Fock und Sabine Müller.
Hanser Berlin 2016, 427 Sei­ten
ISBN 978-3-446-25315-5

Franz Ritter ist Mu­sik­wis­sen­schaft­ler, des­sen be­son­de­re Pas­sion dem Ori­ent gilt. Nicht zu­letzt durch sei­ne Lie­be zu der fran­zö­si­schen Ori­en­ta­lis­tin Sa­rah fin­det die­se Pas­sion im­mer neue Nah­rung. In ei­ner schlaf­lo­sen Nacht, tags­über wur­de ihm ei­ne ka­ta­stro­pha­le me­di­zi­ni­sche Di­a­gno­se er­öff­net, durch­lebt er sich er­in­nernd bei­des: Lie­be und Pas­sion, sein Ver­hält­nis zu Sa­rah und dem Ori­ent, bei­des letzt­lich un­er­reich­bar, Sub­jek­te sei­ner un­er­füll­ten Wün­sche.

Der Orient als Pro­jek­tions­flä­che, als Sehn­suchts­ima­gi­na­tion [1] von Hammer-Purgstall bis Anne­marie Schwar­zen­bach [2], ei­ne Archäologie der An­nä­he­rung und Be­rüh­rung, des Neh­mens und des Un­ver­ständ­nis­ses, so ist Ritters Nacht durch­webt, wartend auf eine Email von Sarah, die ihn nach ei­ner lan­gen Zeit des Ver­stum­mens plötz­lich wieder kon­tak­tiert hat. Or­te des ge­mein­sa­men Er­le­bens ziehen durch sein Ge­dächt­nis, Mo­men­te der In­ti­mi­tät, Ge­sprä­che, Lek­tü­ren, Be­rich­te von Rei­sen­den aus di­ver­sen Jahr­hun­der­ten, Ge­dich­te und Kom­po­si­tio­nen aus Orient und Europa, die sich ge­gen­sei­tig be­fruch­tet haben oh­ne einander wirklich zu durch­drin­gen. Sei­ne Zu­rück­hal­tung, versäumte Mög­lich­kei­ten, er durch­lei­det Stun­de um Stun­de in der Gewissheit, al­les ver­lo­ren zu haben: Sarah, die Zeit, sein Le­ben. Und – Sche­he­re­za­de ähnelnd – er erinnert sich gegen den Tod, ringt um eine Hoff­nung, die sich am Ende – zu spät? – er­fül­len könn­te.

Der titelgebende Kompass taucht an ver­schie­de­nen Stel­len des Textes auf und zeigt – mit ei­ner Aus­nah­me [3] – nach Os­ten. Sarah schenkt Rit­ter ein entsprechend ma­ni­pu­lier­tes Ex­em­plar, das damit auch auf sie hin­weist. Hotel­betten, Ge­bets­tep­pi­che und Wecker, in die ein Kompass ein­ge­las­sen ist, der im­mer nach Mekka weist und damit die Orien­tierung vorgibt, die Ritters Le­ben be­stimmt.

Mathias Enard [4] bekam für Kompass den be­deu­tends­ten und einfluss­reichsten fran­zö­si­schen Literatur­preis, den Prix Goncourt, verliehen. Be­nannt ist der Preis nach den Brüdern Ed­mond und Jules Goncourt, das Preis­geld be­trägt le­dig­lich 10 Euro, umso größer ist die Re­pu­ta­tion, die mit diesem Preis ver­bun­den ist, und umso lu­kra­ti­ver sind die Auflagen derart prä­mier­ter Bücher. Kom­pass liest sich nicht wie eine Reise­be­schrei­bung, ob­wohl es viele Ele­men­te davon enthält, es ist kei­ne leich­te Lektüre, es ist eine Kom­pi­la­tion der kul­tu­rel­len Be­geg­nun­gen von Orient und Ok­zi­dent, auf­ge­fä­chert durch die Erinnerungen an eine unerfüllte Liebe. Zwei­fel­los ei­ner der in­teres­san­tes­ten Ro­ma­ne meiner letzten Lek­tü­rejah­re.

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1. "Der Orient ist eine Kon­struk­ti­on aus Bildern, ein Komplex von Re­prä­sen­tationen, aus dem je­der, je nach Stand­punkt, je nach Be­lie­ben schöpfe." S. 304

2. "Bei der Lektüre von Sarahs Rand­notizen (...) konnte ich eine der fun­da­men­ta­len Fragen erah­nen, oder glaubte, sie zu er­ah­nen, die nicht nur Sarahs Werk zu­grun­de lagen, sondern die auch die Texte von Anne­marie Schwar­zen­bach so fes­selnd mach­ten – der Orient als Re­si­lienz, als Suche nach Hei­lung von einer ge­heim­nis­vol­len Krank­heit, einer tief­lie­gen­den Angst." S. 387

3. Beethovens Kompass, den Ritter im Beethoven­haus in Bonn be­sich­ti­gen konnte, Sarahs Ge­schenk ist eine modifizierte Re­plik davon.

4. *1972 in Frankreich. Lebte einige Jahre im Mittleren Orient, seit 2000 in Barcelona. 2017 erhielt er für Kompass den Leip­ziger Buch­preis zur Eu­ro­päischen Verstän­digung.

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7. Juni 2020

Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Kö­ni­gen und Elefanten

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