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Annie Ernaux Eine Frau Annie Ernaux
Eine Frau.
Aus dem Französischen von Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag 2019, 89 Sei­ten
ISBN 978-3-518-22512-7

Schon bald nach dem Tod ih­rer Mut­ter be­ginnt An­nie Er­naux ei­nen Text über sie zu schrei­ben, von dem sie sagt: "Dies ist kei­ne Bio­gra­phie und na­tür­lich auch kein Ro­man, eher et­was zwi­schen Li­te­ra­tur, So­zio­lo­gie und Ge­schichts­schrei­bung." (S. 88) Und die­se Mi­schung ver­leiht ei­nem Le­ben ei­ne Tie­fe und Struk­tur, die über die blo­ße Exis­tenz der Mut­ter hi­naus­geht. Ein Ka­lei­dos­kop zwei­er Ge­ne­ra­tio­nen (mit den Groß­el­tern sind es drei) in ih­rer Zeit und dem Wan­del der Vor­stel­lun­gen und Le­bens­wei­sen un­ter­schied­li­cher Mi­lieus und den Ver­su­chen, ih­nen zu ent­kom­men.

Annie Ernauxs Mut­ter wur­de zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts in ei­ner länd­li­chen Ge­gend in der Nor­man­die ge­bo­ren. Mit zwölf­ein­halb ging sie von der Schu­le ab und fand zu­nächst Ar­beit in ei­ner Mar­ga­ri­ne­fa­brik, dann in ei­ner Sei­le­rei, wo sie ih­ren spä­te­ren Mann ken­nen­lern­te. 1928 Hei­rat. Wäh­rend der Va­ter auf Groß­bau­stel­len Ar­beit ge­fun­den hat­te, führ­te die Mut­ter ei­ne Gast­stät­te mit an­ge­schlos­se­nem Le­bens­mit­tel­la­den. Sie war bil­dungs­hung­rig und im­mer be­müht, ihre Her­kunft zu ka­schie­ren seit­dem ih­re Toch­ter auf ei­ne hö­he­re Schu­le ging. Nach dem Tod des Va­ters ver­kauf­te die Mut­ter das Ge­schäft. Spä­ter zog sie in das Haus von An­nie, die dort mit ih­rem Mann und zwei Söh­nen leb­te. Die Stim­mung zwi­schen Mut­ter und Toch­ter war zu­neh­mend ge­reizt. Nach Kran­ken­haus­au­fent­hal­ten und ei­nem Ab­glei­ten in die De­menz starb sie 1986 auf ei­ner Pal­lia­tiv­sta­tion.

Annie Ernaux be­schreibt das Ver­hält­nis zu ih­rer Mut­ter als am­bi­va­lent und be­müht sich, de­ren Cha­rak­ter­zü­ge auch als Aus­druck ih­rer Le­bens­um­stän­de zu be­grei­fen, Phä­no­typ und In­di­vi­duum zu­gleich. Die Ver­su­che, ihre Be­zie­hung zu­ei­nan­der zu ab­stra­hie­ren, in­dem sie sich selbst vor­gibt, über ei­ne Mut­ter-Toch­ter-Be­zie­hung zu schrei­ben, in der sie nicht An­nie Er­naux und die Mut­ter nicht ih­re Mutter ist, müs­sen – we­nigs­tens teil­wei­se – schei­tern. Denn trotz der sach­lich be­schrei­ben­den Spra­che – oder ge­ra­de we­gen ihr, we­gen des Kon­tras­tes zwi­schen Form und In­halt – springt die In­ten­si­tät der Trau­er und des Mit­ge­fühls wäh­rend der fort­schrei­ten­den De­menz auf die Le­ser*­in­nen über und löst ei­ne tie­fe Be­trof­fen­heit aus. An­nie Er­naux war be­müht, ei­ne Form zu fin­den, die sich in Rich­tung der Wahr­heit be­wegt. Und spürt doch im­mer wie­der, dass sich et­was in ihr da­ge­gen sträubt. Dass und wie sie in die­sem Zwie­spalt schreibt, kommt der Wahr­heit wohl am nächs­ten und macht das Buch zu ei­nem li­te­ra­ri­schen Er­eig­nis.

Der Text ist erst­mals 1987 in Frank­reich er­schie­nen, in deut­scher Über­setzung 1993 bei S. Fi­scher. Seit 2019 liegt er nun, neu über­setzt von Son­ja Finck, bei Suhr­kamp vor. 2022 wur­de Annie Er­naux mit dem No­bel­preis für Li­te­ra­tur aus­ge­zeich­net.


Annie Ernaux: Er­in­ne­rung ei­nes Mäd­chens

Biographisches

27. Mai 2024

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