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Salman Rushdie Joseph Anton Die Autobiografie Salman Rushdie
Joseph Anton. Die Au­to­bio­gra­fie.
Aus dem Englischen über­setzt von Verena von Koskull und Bern­hard Robben.
C. Bertelsmann Verlag 2012, 719 Sei­ten
ISBN 978-3-570-10114-8

Am 26. September 1988 er­schien das Buch des indisch-bri­ti­schen Schrift­stel­lers Sal­man Rush­die "Die sa­ta­ni­schen Verse". Knapp 5 Mo­na­te spä­ter, am 14. Fe­bru­ar 1989, ver­kün­de­te der ira­ni­sche Aya­tol­lah Chomeini, der re­li­giö­se und po­li­ti­sche Füh­rer der Islamischen Re­pu­blik Iran, ei­ne Fat­wa, die den Au­tor des Bu­ches zum To­de ver­ur­teil­te und al­le Mus­li­me da­zu auf­for­der­te, ihn zu tö­ten.

Im November des Er­schei­nungs­jah­res er­hiel­ten "Die sa­ta­ni­schen Ver­se" den Whit­bread-Preis zu­ge­spro­chen, gleich­zei­tig mehr­ten sich die Zei­chen, dass ei­ni­ge Pas­sa­gen des Wer­kes in manchen Tei­len der Welt als islam­feind­li­che Provokation auf­ge­fasst wer­den wür­den. Die Einfuhr nach In­dien wur­de ver­bo­ten, es kam zu Unruhen und Ver­bren­nun­gen des Bu­ches so­wie von Puppen und Por­träts, die den Au­tor darstellen soll­ten. In der mus­li­mi­schen Welt brei­te­te sich die An­sicht aus, es han­de­le sich bei dem Werk um ei­ne blasphemische Ver­un­glimp­fung des Pro­phe­ten, die nur mit dem Tod des Au­tors und all jenen gesühnt wer­den kann, die an der Pro­duk­tion und Ver­brei­tung des Bu­ches be­tei­ligt sind. Rushdie muss­te un­ter­tau­chen.

"Joseph Anton" be­schreibt die Zeit, ins­ge­samt mehr als 13 Jah­re, in der Salman Rushdie un­ter stren­gem Per­so­nen­schutz ein Leben in stän­di­ger Be­dro­hung füh­ren musste. Ein Le­ben unter Be­wa­chung und dem Verlust nahezu je­der Pri­vat­sphä­re, ein Le­ben, auf des­sen Aus­lö­schung Millionen Dol­lar ausgesetzt waren und hass­er­füll­te Mas­sen sei­nen Tod for­der­ten. Indien, sein Ge­burts­land, ver­wei­ger­te ihm die Ein­rei­se, seine Bü­cher stan­den auf dem Index zahl­rei­cher Län­der, die Kontakte zu Freun­den und seinem aus ers­ter Ehe stam­men­den Sohn wa­ren stark eingeschränkt und konn­ten nur un­ter klan­des­ti­nen Be­din­gun­gen statt­fin­den.

Rushdie, der sein Pseu­do­nym nach den Vor­na­men Jo­seph Con­rads und Anton Cechovs ge­wählt hat­te, erlebte in die­ser Zeit das Schei­tern seiner zwei­ten Ehe, die den Be­din­gun­gen der Verfolgung nicht stand halten konnte, er er­leb­te die Wan­kel­mü­tig­keit der bri­ti­schen Re­gie­rung und von Tei­len der eng­li­schen Presse, die eine Diskussion über die Kos­ten führten, die durch sei­nen Per­so­nen­schutz ent­stan­den, statt die To­des­dro­hun­gen ge­gen ihn einmütig zu ver­dam­men. Welt­weit wur­de er­wo­gen, wel­chen Anteil er selbst an der Situation hat­te, in der er sich befand, schließ­lich habe er den Grün­der ei­ner Welt­re­li­gion beleidigt. Wort­füh­rer nahezu aller grö­ße­ren Re­li­gions­ge­mein­schaf­ten ließen es sich nicht neh­men, derartige Ver­un­glimp­fun­gen ge­gen religiöses Emp­fin­den aufs Schärfs­te zu ver­dam­men. Die Frei­heit von Li­te­ra­tur und Mei­nung habe da­hin­ter zu­rück zu stehen.

Aber es kam auf der an­de­ren Sei­te auch zu Wel­len der So­li­da­ri­tät mit dem verfolgten Au­tor. In Deutsch­land etwa grün­de­te sich der Ver­lag "Artikel 19" (in Be­zug auf den Artikel 19 der Er­klä­rung der Men­schen­rech­te, der die Frei­heit von Meinung und In­for­ma­tion de­kla­riert), bestehend aus ei­nem Zu­sam­men­schluss meh­re­rer Ver­la­ge und Her­aus­ge­ber aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum, nachdem Kie­pen­heu­er & Witsch die Pro­duk­tion der deut­schen Ausgabe ein­ge­stellt hatte, und pu­bli­ziert die "Ver­se" in einer ho­hen Auflage.

Im Dezember 1990 gibt Rush­die dem Druck der Öf­fent­lich­keit und den Ver­spre­chun­gen auf ei­ne Auf­he­bung der Mord­dro­hun­gen nach und ent­schul­digt sich öf­fent­lich für die Pas­sa­gen in sei­nem Buch, die den isla­mi­schen Glauben ver­let­zen kön­nen. Au­ßer­dem ver­zich­tet er auf weitere Über­set­zun­gen und die Ver­öf­fent­li­chung der Ta­schen­buch­aus­ga­be der "Sa­ta­ni­schen Ver­se". Er, der sich im­mer als un­gläu­big be­zeich­net hat­te, deu­tet an, sich wie­der dem Islam zu­ge­wandt zu haben.

Doch den Fanatikern im Iran und anderswo reicht ei­ne sol­che Er­klä­rung nicht, sie be­ste­hen wei­ter auf der Gül­tig­keit der Fat­wa und der Auf­for­de­rung an alle Mus­li­me welt­weit, den blas­phe­mi­schen Au­tor zu tö­ten. Rushdie, der sein Zu­rück­wei­chen vor dem Ter­ror als Niederlage emp­fin­det, die ihn mit Scham er­füllt, wi­der­ruft ein Jahr später in ei­nem öf­fent­li­chen Vortrag in der Columbia Uni­ver­si­tät sei­ne Ent­schul­di­gung und betont sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sich kom­pro­miss­los für Mei­nungs­frei­heit und die Frei­heit der Li­te­ra­tur ein­zu­set­zen.

Sein Kampf, ein "nor­ma­les" Le­ben führen zu kön­nen, soll­te noch wei­te­re 11 Jahre zwi­schen Hoff­nun­gen, Ent­täu­schun­gen und Nie­der­la­gen an­dau­ern, bis im Fe­bru­ar 2002 die letz­ten Schutz­maß­nah­men auf­ge­ho­ben wurden. Doch wie wir in­zwi­schen wis­sen, wurde Sal­man Rushdie im Au­gust 2022 bei ei­ner Kon­fe­renz an­ge­grif­fen und verlor da­bei ein Au­ge.

"Joseph Anton" ist mit 719 Sei­ten auch in­halt­lich kein leich­ter Bro­cken. Die Lektüre ist pha­sen­wei­se span­nend wie ein Kri­mi, be­rüh­rend, be­klem­mend und doch auch är­ger­lich, wenn bei­spiels­wei­se sei­ne Be­zie­hun­gen in die Ver­lags­bran­che bis in die kleins­ten Ver­äs­te­lun­gen dargestellt wer­den und sei­ne Ab­rech­nun­gen mit Kollegen und Ex­frau­en all­zu intim und nach­tra­gend wer­den. Der Text ba­siert auf Rushdies Ta­ge­buch­ein­trä­gen, anders ist nicht zu er­klä­ren, wie er noch nach Jahr­zehn­ten die Anwesenheit wel­cher Pro­mi­nenz bei wel­chen Emp­fän­gen und mit wem wel­che Ge­sprä­che ge­führt wor­den sind, memorieren könn­te. Ein 11-sei­ti­ges Per­so­nen­re­gis­ter mit über 1000 Einträgen am En­de des Bandes un­ter­stützt ei­ne solche Ver­mu­tung. Den­noch halte ich das Buch für einen wich­ti­gen Beitrag zur Stel­lung von Literatur in der Ge­sell­schaft und von der Not­wen­dig­keit re­li­giös mo­ti­vier­te Über­grif­fe recht­zei­tig zu er­ken­nen und zu stop­pen. Rush­die selbst be­nutzt da­zu Ein­stel­lun­gen aus Hitch­cocks "Die Vögel", in de­nen sich zu­erst nur ei­ne Krähe auf einem Klet­ter­ge­rüst nie­der­lässt, dann eine zweite und schließ­lich der Hor­ror los­bricht.


17. Mai 2024

Biographisches

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