Julian Barnes:
Der Lärm der Zeit. Roman.
Deutsche Übersetzung von Gertraude Krueger.
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2017, 245 Seiten, ISBN 978-3-462-04888-9
„Der Lärm der Zeit“ beschreibt in drei Kapiteln, die jeweils zwölf Jahre voneinander getrennt sind, drei schicksalhafte Begegnungen Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) mit der Macht des Sowjetstaats.
Am 26. Januar 1936 findet am Moskauer Bolschoi Theater eine Aufführung von Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ statt. Das Stück hatte zwei Jahre zuvor Premiere gehabt und sowohl im Inland als auch im Ausland große Erfolge gefeiert. In seiner Loge – durch einen Sichtschutz vom restlichen Publikum abgetrennt – wohnt Josef Wissarionowitsch Stalin der Aufführung bei, verlässt sie allerdings bereits in der Pause. Zwei Tage später erscheint in der Prawda ein vernichtendes Pamphlet – mutmaßlich vom Diktator selbst verfasst – unter dem Titel „Chaos statt Musik“, in dem der bis dahin gefeierte Komponist zum Volksfeind erklärt und unverhohlen gedroht wird: „Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden“ (S. 42). Freunde, die Familie, er selbst rechnet mit seiner unmittelbar bevorstehenden Verhaftung.
Als Nächstes sehen wir Schostakowitsch, der in seiner Angst vor der Festnahme durch den NKWD 10 Nächte lang in Anzug und Mantel und mit gepacktem Koffer im Hausflur steht, um seiner Familie den Anblick seiner Abführung zu ersparen. Doch der Zufall rettet ihn: Der Ermittler, der ihn zu einem Mordkomplott gegen Stalin vernehmen soll, wird in der Nacht vor dem Verhör selbst Opfer des Großen Terrors.
Die zweite Demütigung folgt 1949: Stalin persönlich befiehlt Schostakowitsch, an einem Friedenskongress im New Yorker Waldorf Astoria teilzunehmen. Dort verliest er eine ihm vorgelegte Rede, die – in grober Verzerrung seiner tatsächlichen Überzeugungen – den von ihm zutiefst verehrten Igor Strawinsky angreift, ein Akt, der ihn zeitlebens mit Scham erfüllt.
1960 schließlich, bereits unter Chruschtschow, folgt, was Barnes die „allerschlimmste Zeit“ nennt: Schostakowitsch tritt unter massivem staatlichem Druck der KPdSU bei und übernimmt den Vorsitz des sowjetischen Komponistenverbandes. Er wird damit – gegen seinen Willen und gegen sein Gewissen – zum Funktionär jenes Apparats, den er sein Leben lang verachtet hat. Zwei Jahre später wird eine überarbeitete Version von „Lady Macbeth von Mzensk“ genehmigt und feiert als „Katerina Ismailova“ in Moskau Premiere.
„Eine Seele konnte auf dreierlei Art zerstört werden: durch das, was andere einem Menschen antaten; durch das, was ein Mensch sich selbst antat, weil andere ihn dazu trieben; und durch das, was ein Mensch sich aus freien Stücken selbst antat.“ S. 222
Barnes schildert diese Stationen nicht aus der Ich-Perspektive, sondern in einer kunstvollen Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz: nah genug, um die innere Zerrissenheit seines Protagonisten spürbar zu machen; weit genug, um den Leser zur Selbstbefragung zu zwingen. Wie hätte man sich verhalten? Sind Kompromisse unter existenziellem Druck verwerflich oder menschlich unausweichlich? Barnes urteilt nicht. Stattdessen zeichnet er das vielschichtige Psychogramm eines Künstlers, der zwischen Integrität und Korruption nach einem dritten Weg sucht – und daran scheitert. Ohne dabei aufzuhören, Musik von singulärer existenzieller Tiefe zu schaffen.
Das eigentliche Thema des Romans ist die Frage, was es kostet, unter einem totalitären Regime als Mensch und Künstler zu überleben. In einer Zeit, in der Künstler, Intellektuelle und Andersdenkende nicht nur von Autokraten in die Nähe von Staatsfeinden gerückt werden, ist „Der Lärm der Zeit“ so aktuell wie je.
„Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ S. 125
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7. April 2026